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Full text of "Psychopathische Minderwertigkeiten im Kindesalter : für Eltern, Lehrer und Erzieher"

Psychopathische 



; nderwertigkeiten im Kindesalter. 



lin Mahnwort^ für Eltern, Lehrer und Erzieher 



von 



J. Trüper, 



Direktor der Austalt für schwer erziehbare Kinder auf der Sophienhöhe bei Jena. 




Gütersloh. 

Druck und Verlag von C. Bertelsmann. 

189 3. 



I. Unsere Aufgabe. 

„isychopathische Minderwertigkeit" ist ein Ausdruck, der 
den meisten Lesern neu sein wird. Er ist es auch in der 
That und wurde zuerst in Anwendung gebracht von dem 
K. W. Staatsirrenanstaltsdirektor Dr. Koch in Zwiefalten.*) 
Doch nicht blofs der Name ist neu, auch der Inhalt des be- 
zeichneten Begriffs bietet ein neues System nervöser und 
seelischer Anomalien, das Koch als selbständiges Gebiet inner- 
halb der Psychiatrie und Neurologie abzusondern, zu um- 
grenzen und in die rechte Beleuchtung zu rücken versucht. 
Unter dem Ausdruck psychopathische Minderwertigkeiten fafst 
er nämlich „alle, seien es angeborene, seien es erworbene, 
den Menschen in seinem Personleben beeinflussende psychische 
Regelwidrigkeiten zusammen, welche auch in schlimmen Fällen 
doch keine Geisteskrankheit darstellen, welche aber die damit 
beschwerten Personen auch im günstigsten Falle nicht als im 
Vollbesitze geistiger Normalität und Leistungsfähigkeit stehend 
erscheinen lassen."**) 

Solche Regelwidrigkeiten finden wir nun nicht blofs bei 
Erwachsenen, mit welchen Koch sich vorwiegend beschäftigt, 
sondern ebenso häufig, wenn nicht noch häufiger, in der 



*) Leitfaden der Psychiatrie. 1888. Die psychopathischen Minder- 
wertigkeiten. 1891 — 1893. 

**) Binswa liger, Pelraan u. a. fassen diese Abweichungen vom ge- 
sunden Körper- und Seelenleben unter dem Begriff teils der Nervosität, 
teils der sogen, neuropathischen oder psychopathischen Konstitution zu- 
sammen. Für den Arzt, der einen Patienten zunächst körperlich zu be- 
trachten und zu behandeln hat, ist das ohne Frage das Gewiesenste. Fin- 
den Pädagogen aber, der in erster Linie das Innenleben zu gestalten hat, 
ist die Kochsche Betrachtungsweise die zweckmäfsigste. 

1* 



- 4 — 

Kinderwelt, sogar schon im Säuglingsalter, wie der Stutt- 
garter Nervenarzt Dr. A. Römer nachweist.*) 

Ihr Vorkommen bedeutet jedoch auch hier keineswegs, 
dafs immer das ganze seelische Verhalten der Betreffenden 
minderwertig und ihre ganze geistige Persönlichkeit, an und 
für sich betrachtet, eine niedrig stehende sein müfste. Nicht 
wenige psychopathisch minderwertige Kinder, obgleich sie in 
sich geschädigt und gekürzt sind, ragen doch in manchen 
geistigen Leistungen noch über andere gleichaltrige normale 
Kinder, über Kinder mit „rüstigem" Gehirn, weit hervor. 
Jedoch verhalten sie sich psychisch nicht wie andere. Es ist 
in ihrem Verhalten etwas, das sie vom Durchschnitt ihrer 
Altersgenossen unterscheidet, das alle in sich eigenartig, 
manche sehr auffällig macht. Andere nehmen nach und nach 
Schwächen und fehlerhafte Eigenschaften an, die sie vordem 
nicht hatten. Doch können sie weder in dem einen noch in 
dem andern Falle für schwachsinnig oder für geisteskrank (im 
eigentlichen und gebräuchlichen Sinne des Wortes) gelten. 
Ihre Mühseligkeiten, Verkehrtheiten und Mängel schaffen zwar 
oft sehr zu beachtende Hemmungen mancher Art bei ihrem 
Thun und Lassen und machen sie von klein auf schwer er- 
ziehbar, sofern sie nach den Erziehungsplänen und -Metho- 
den für Normale behandelt werden sollen; aber ob die Er- 
schwernis auch weit gehe, so sind sie doch nicht in der Weise 
geschwächt, gebunden, hingegeben und gehemmt, dafs sie die 
Freiheit ihrer Willensbestimmung eingebüfst hätten, wie es 
z. B. bei den schweren Formen der Idiotie, der Epilepsie und 
anderen eigentlichen Geisteskrankheiten der Fall ist. 

Die psychopathischen Minderwertigkeiten beruhen, im 
Gegensatz zu den Fehlern und Verkehrtheiten gesunder Kin- 
der, die Strümpell in seiner „Pädagogischen Pathologie" 
scharf davon abzugrenzen sucht, auf einer angeborenen oder 
erworbenen Minderwertigkeit der Konstitution des Gehirns oder 
des Nervensystems überhaupt, wenn auch oft nur auf einer 
funktionellen Abnormität ohne nachweisbare organische 
Veränderung. Sie tragen darum auch vielfach körperliche 
Eegel Widrigkeiten als Begleiterscheinungen zur Schau. 



*) Über psychopathische Minderwertigkeiten des Säuglingsalters. 
»Stuttgart 1892. 



— 5 — 

Was von der Eegel abweicht, bezeichnet man zwar in 
einem weiteren und allgemeineren Sinne als krankhaft; allein 
alles, was der Erzieher als Fehler bezeichnet und bezeichnen 
mufs, ist nicht immer eine Abweichung von der gesunden 
Eegel und darum etwas Krankhaftes. Die Gesundheit hat 
weite Grenzen; zudem sucht der Erzieher seine Normen in 
höheren Regionen als der Naturforscher und Arzt. Nicht das, 
was in der Eegel ist, gilt ihm als Norm, sondern das, was 
werden und sein kann und soll. Die Lüge ist z. B. für den 
Erzieher ein bedenklicher Fehler und doch nicht immer etwas 
seelisch Krankhaftes. Gesunde Kinder lügen auch wohl ein- 
mal, und das ist gewifs ein schlimmer, aber doch noch kein 
krankhafter Fehler. Umgekehrt kenne ich psychopathisch 
schwer belastete Kinder, deren Ängstlichkeit vor einer Un- 
wahrheit ein für jedermann erkennbares krankhaftes Gepräge 
trägt. Ein Hang zur Lüge, oder gar ein Verwechseln von 
Lüge und Wahrheit ist dagegen entschieden etwas Krank- 
haftes. Das gesunde Kind kann einen Fehler aus freiem 
Willen unterdrücken, ein psychopathisch minderwertiges aber 
nicht oder doch weit schwerer. Die Bildungsfähigkeit fehlt 
hier zwar nicht, wie Scholz*) anzunehmen scheint, allein die 
Behandlung ist weit schwieriger als bei normalen Kindern und 
verlangt einen Erzieher, der pädagogische und psychologische 
Durchbildung besitzt und mit Einsicht, Umsicht und Weitsicht 
verfahren kann. Ist diese Bedingung gegeben, so können Hand 
in Hand gehende Erziehung und Heilpflege vieles bessern, 
und nach meiner Erfahrung durchweg mehr, als die Prognose 
des Arztes erhoffen läfst. Solange jedoch die Kunst noch nicht 
erfunden ist, an Stelle des geschwächten oder geschädigten 
Hirns ein neues, normal funktionierendes einzusetzen, wird die 
Allmacht der Erziehung eine Illusion minderwertiger philo- 
sophisch-pädagogischer Anschauungen bleiben. Jedoch ein an- 
deres ist es, aus jedem Kinde alles durch die Erziehung 
machen zu wollen, und ein anderes, alle von der Natur ge- 
gebenen, wenn auch noch so schwachen gesunden Kräfte und 
Anlagen zweckmäfsig entwickeln, sowie die fehlerhaften hem- 
men und auf das Zweckmäfsige richten helfen, anstatt durch 



*) Die Charakterfehler des Kindes. S. 15. 



— 6 — 

unzweckniäfsige Behandlung das Fehler- und Krankhafte zu 
steigern und das Gesunde davon überwuchern zu lassen, wie 
es so oft geschieht. 

Leider hat aber die litterarisch sonst so fruchtbare Päda- 
gogik mitsamt dem öffentlichen Erziehungswesen hier seit je 
schwere Versäumnisse aufzuweisen. Denn wenn die Päda- 
gogik ein tieferes Studium aus dem Menschen auch in seinen 
pathologischen Verhältnissen gemacht hätte, so würden manche 
Fehler und Härten der Erziehung überhaupt weggefallen, 
manche unpassende Wahl des Lebensberufes unterblieben und 
damit manche psychische Existenz gerettet worden sein.*) 
Begreiflich ist darum der von Lehrern und Eltern, von päda- 
gogischen Zeitschriften wie Famil i enj ournalen mehrfach an mich 
ergangene Wunsch, in einer gemeinverständlichen Abhandlung 
mich dieser Sorgenkinder der Familien nach Kräften an- 
zunehmen. Ich komme der Aufforderung zwar gerne nach, 
da das Studium der seelischen Schwächen und Fehler wie 
ihre Beseitigung mir zur Lebensaufgabe geworden ist; doch 
da man nach der Ansicht des Philosophen nur erfährt und 
sieht, was man weifs, die Wissenschaft der Kinderfehler aber 
noch in den Windeln liegt, so niufs ich trotz achtzehnjähriger 
Schulpraxis, die mich mit allen möglichen Verkehrtheiten 
wenigstens der Erscheinung nach bekannt machte, mich den- 
noch sehr bescheiden und eine tiefere Ergründung typischer 
Formen der psychopathischen Minderwertigkeiten wie eine 
darauf sich gründende Therapie derselben mir für später vor- 
behalten. Dennoch glaube ich gewifs zu sein, dafs alle die- 
jenigen, welchen eine solche Kindesnatur ans Herz gewachsen 
ist, für das Gebotene dankbar sein werden, selbst dann, wenn 
sie in den typischen Beispielen eigene Züge oder die ihrer 
Lieblinge erkennen sollten. Denn ich habe nur solche Bei- 
spiele gewählt, welche mir so zu sagen dutzendweise entgegen- 
getreten sind. 

Über die Zweckmäfsigkeit des Ausdrucks „psychopathische 
Minderwertigkeit", sowie über das ethische Bedenken, ihn in 
Erziehung und socialem Leben anzuwenden, mögen andere 
streiten, so freudig wir uns auch den ebenso vortrefflichen als 



f ) Vgl. v. Krafft-Ebing, Psychiatrie. I, S. 28. 



— 7 — 

gründlichen Auseinandersetzungen Strümpells*) anschliefsen 
und mit ihm warnen möchten, nicht das als psychopathisch 
minderwertig zu betrachten und zu bezeichnen, was nur ein 
Produkt einer verkehrten Erziehung in Haus und Schule ist 
und nicht von Veränderungen im Nervensystem bedingt wird, 
wenn es auch solche mit der Zeit hervorrufen und so patho- 
logische Zustände erzeugen kann. 

Wir fassen vorwiegend solche Fehler und Regelwidrig- 
keiten ins Auge, welche auf dem Boden einer psycho- oder 
doch neuropathischen Anlage erwachsen, indem die Erziehung 
durch Haus, Schule, Schulwesen und Gesellschaft diese Keime 
wenn auch unbewufst zur Entfaltung bringt. Hierin soll 
gegenüber den verwandten Schriften von Strümpell, Scholz 
und Siegert unsere besondere Aufgabe bestehen, die sich 
jedoch mehrfach berührt mit der des Psychiaters in den Wer- 
ken von Koch und Pelman und mit der des Kinderarztes 
in Baginskys „Schulhygiene". 

Wir wollen darum den Fragen näher treten : wie derartige 
Kinder sich von den normalen unterscheiden, wo die Ent- 
stehungsursachen psychopathischer Minderwertigkeiten liegen 
und was für Mittel und Wege es giebt, die fehlerhaften patho- 
logischen Zustände zu verhüten und, wo das nicht möglich ist, 
sie zu bessern oder, so weit es geht, zu heilen. 



IL Zur Charakteristik einiger psycho- 
patliischer Minderwertigkeiten. 

Kinder mit psychopathischer Veranlagung sind keine sel- 
tenen Erscheinungen. Bei vielen bleibt sie aber im Stadium 
der Disposition. Bei andern entwickelt sich die Anlage 
weiter zu einer psychopathischen Belastung, die sich wie- 

*) Die pädagogische Pathologie oder die Lehre von den Fehlern 
der Kinder. Versuch einer Grundlegung für gebildete Eltern , Studierende 
der Pädagogik, Lehrer, sowie für Schulbehörden und Kinderärzte von 
Ludwig Strümpell, Professor an der Universität zu Leipzig. Zweite, 
bedeutend vermehrte Auflage. Leipzig 1892. 



— 8 — 

derum steigern kann zu einer psychopathischen Degeneration 
oder gar zu einer Psychose oder eigentlichen Geisteskrank- 
heit. Die Dispositionen berühren sich mit der Breite der 
geistigen Unversehrtheit in ihren verschiedenen Graden der 
starken und schwachen, guten und schlechten Veranlagung, 
und nur ein sachverständiger Beobachter wird unterscheiden 
können, ob auffallende Zustände krankhafter Art sind oder 
nicht. Es kommt nicht selten vor, dafs Eltern, zumal wenn 
es sich um ein einziges oder um das erstgeborene Kind han- 
delt, eine angeborene, geistige Anomalie gar nicht oder erst 
später, wenn es auf der Schule statt vorwärts rückwärts geht, 
erkennen. 

Weiter auf die Gruppen, Arten und Stufen der psycho- 
pathischen Minderwertigkeiten im Kindesalter einzugehen und 
ihre Kennzeichen im einzelnen aufzuführen, geht über den 
Rahmen unserer heutigen Aufgabe hinaus. Wir begnügen uns 
mit einem Hinweise auf Kochs vortreffliches Werk.*) 

Der Leser kennt übrigens jedenfalls aus eigener Anschau- 
ung viele solche eigenartige Kinder, die weder schwachsinnig 
noch geisteskrank sind, aber dennoch, oft schon im Säuglings - 
alter,**) der Pflege und später auch der Erziehung und dem 



*) Eine Aufzählung aller denkbaren seelischen Fehler im Kindesalter 
nebst Versuchen zu Klassifikationen findet der Leser in Strümpells 
„Pädagogische Pathologie". 

In gemeinverständlicher, anziehender Darstellung hat Dr. Friedrich 
Scholz, Direktor der Kranken- und Irrenanstalt zu Bremen, uns „Die 
Charakterfehler des Kindes" als „Eine Erziehungslehre für Haus 
und Schule" gezeichnet. (Leipzig, Eduard Heinrich Mayer, 1891.) Die 
Schrift ist seiner Tochter, einer jungen Mutter, gewidmet und kann allen 
Müttern angelegentlich empfohlen werden. 

Auch das kleine Buch von Siegert, Problematische Kindes- 
naturen (Kreuznach u. Leipzig 1889), zeichnet eine Reihe psychopathisch 
minderwertiger und geisteskranker Kinder nach der Natur, wenn auch 
etwas übertrieben in den Behauptungen. 

Die ins Geisteskranke übergehenden Formen psychopathischer Minder- 
wertigkeit der Idiotie werden in vortrefflicher, lebendig -anschaulicher 
Weise geschildert in der Schrift von Paul S ollier: „Der Idiot und 
der Imbecille. Eine psychologische Studie." Ins Deutsche übersetzt 
von Dr. Paul Brie. Hamburg 1891. Leider ist aber die psychologische 
Beurteilung der Erscheinungen ebenso oberflächlich wie eiuseitig. 

**) Vgl. Roemer a. a. 0. 



— 9 — 

Unterricht viele Mühe und Schwierigkeiten bereiten, wenn 
Eltern und Erzieher auch nicht immer klar darüber sind, wo 
die eigentlichen Ursachen liegen. Manchem solchen Kinde 
stehen Haus und Schule zuletzt rat- und hilflos gegenüber; 
man verfällt von einem mifslungenen Versuch in einen andern, 
bis schliefslich die geistige und sittliche Regelwidrigkeit sich 
derart steigert, dafs das Schmerzenskind überhaupt nicht mehr 
zu einem brauchbaren Glied der menschlichen Gesellschaft, 
wenn auch nur der Familie, zu bilden ist, und es als Degene- 
rierter oder als Geisteskranker geschlossenen Anstalten über- 
geben werden mufs. Wenn eine Statistik der nervös wie geistig 
und sittlich geschwächten, überreizten, interesselosen, leistungs- 
unfähigen oder gar entarteten und zuletzt moralisch ver- 
dorbenen und verkommenen Schmerzenskinder der Familien 
aller Gesellschaftskreise möglich und vorhanden wäre, so würde 
man bald begreifen, welche Frage von weitgehendster Be- 
deutung das Studium der seelischen Fehler und der psycho- 
pathischen Minderwertigkeiten im Jugendalter und ihre er- 
ziehliche Behandlung ist. 

Bislang hatte man nur Verständnis und Interesse für 
die geistig Geschwächten, die sogenannten „geistig Zurück- 
gebliebenen", nebst den noch tieferstehenden Formen des 
Schwachsinns oder der Idiotie und darum hat man auch nur für 
solche Anstalten ins Leben gerufen. Allein diese Form der 
psychopathischen Minderwertigkeit ist keineswegs die einzige. 
Oft ist sie auch keine ursächliche, sondern nur eine sekundäre 
Folgeerscheinung anderer Anomalien. Letzteres ist z. B. der 
Fall bei der reizbaren Schwäche, welche man gewöhn- 
lich bei der angeborenen psychopathischen Belastung findet. 
Um wenigstens eine der vielen Arten psychopathischer 
Minderwertigkeiten näher zu kennzeichnen, mögen die Symp- 
tome dieser in ihren verschiedenen Variationen skizziert 
werden.*) 

Wir finden hier zunächst eine Mischung von Steigerung 
und Verminderung der Erregbarkeit des Nervensystems wie 
des Geistes. 

Die Erregbarkeit ist gesteigert, das Kind darum an- 

*) Vergl. den Abschnitt über Neurasthenia cerebralis in Emming- 
haus, Psychosen des Kindesalters. Tübingen 1887. S. 134. 



— 10 — 

scheinend viel versprechend, ein „gewecktes" Kind. Allein 
die Erregung läfst unverhältnismäfsig frühe nach und auf 
stärkere Erregungen und Anstrengungen hin ist die Erregbar- 
keit selbst für einige Zeit mehr oder weniger erlahmt. Die 
Kinder sind dann „erschöpft". 

Weil die Erregbarkeit gesteigert ist, so wirken alle Ein- 
drücke zu stark, oder aber sie erregen zu nachhaltig. 

Zunächst zeigt sich die krankhaft gesteigerte Erregbarkeit 
in den Sinnesorganen. 

Selbst Augen, Ohren, Geruchs- und Geschmacksnerven 
werden oft derart von Eindrücken erregt, dafs sie „weh 
thun", wie sich ein Knabe ausdrückte, als eine Karbolflasche 
noch einen Meter von seiner Nase entfernt war, während ein 
anderer keine Miene bei denselben Reizen verziehen würde. 
Andersen hat das märchenhaft ausgeschmückt, indem er 
seine Prinzessin durch vierundsechzig Matratzen fühlen läfst, 
dafs sie auf Erbsen liegt, und das Sprichwort läfst solche 
überempfindlichen Leute „das Gras wachsen hören". 

Solche Kinder weinen und jammern darum bei dem 
kleinsten Schmerz und haben eine Höllenangst, wenn sie z. B. 
geimpft, ja wenn ihnen auch nur ein Dorn aus dem Finger 
oder ein wackeliger fauler Zahn gezogen werden soll. Blut 
können sie unter keinen Umständen sehen. 

Während des Unterrichts bricht ein solcher Zögling regel- 
mäfsig mitten im Satze ab; erst mufs er die Schläge einer 
Zimmeruhr im anstofsenden Räume, die ein anderer selten 
hört, zählen; dann erst kann der Satz vollendet werden. Neben- 
sächliche Dinge werden darum oft scharf erfafst und wichtige 
vollständig überhört und übersehen. Scharfe Aufmerksamkeit 
und wiederum völlige Zerstreutheit wechseln so naturgemäfs ab. 

Krankhaft gesteigert und zugleich geschwächt ist auch 
das Gefühlsleben. 

Ein Tadel, verletzter Ehrgeiz, ein Verlust beim Spiel 
verstimmen manchen mafslos, und bekannt sind die vielen 
Selbstmordversuche bei Kindern aus solchen Ursachen.*) Jede 



*) Scholz widmet dem Selbstmord der Kinder ein ganzes Kapitel 
(a. a. 0. S. 160—172) mit den einleitenden Worten: „Wer vor hundert 
Jahren über Selbstmord der Kinder hätte schreiben wollen, der würde 
desselben wohl nur als einer merkwürdigen Kurosität gedacht haben. 



— 11 — 

Trennung rührt den einen zu Thränen, und ein anderer be- 
kommt krampfartige Anfälle freudiger Erregung, wenn er je- 
mand wiedersieht, der nur einige Tage abwesend war. Solche 
Kinder sind oder werden leicht ungesund wehleidig, weichlich 
rührselig und mitleidig, dumm empfindlich und launenhaft 
übelnehmerisch, und wiederum übertrieben reizbar und zorn- 
mütig, gewöhnlich einfältig ängstlich, schreckhaft und furcht- 
sam. Schon als Säuglinge zeigen sie. wie Roemer darlegt, 
Anwandlungen von Angst, so z. B. wenn sie ins Bad getaucht 
werden. Wiederum aber sind sie leicht beruhigt, wenn sie 
sich nur an einem Finger oder einem Badetuchzipfel halten 
können. Furcht vor Dunkelheit, vor eingebildeten Dieben und 
'Räubern, vor Tieren allerlei Art, vor Tadel, Strafe u. s. w. 
erhalten sich oft bis ins späte Alter. 

Auch die geschlechtliche Erregung ist manchmal patho- 
logisch gesteigert. Kleine Kinder, namentlich die des schwa- 
chen Geschlechts, masturbieren oft schon in einer unheimlichen 
Weise, und im späteren Alter bieten schon reizbar schwache 
Schulmädchen unserer nervösen Grofsstädte sich feil, während 
Knaben durch den Anblick einer „Schürze" oder die Lektüre 
einer schlüpfrigen Stelle in Aufregung geraten und Excesse 
verüben. Auch führt die reizbar schwache Frühreife als „un- 
glückliche Liebe" so häufig zum Selbstmorde. 

Die krankhaft gesteigerte Erregbarkeit des Phantasie- 
lebens läfst sie für alles Mögliche phantastisch schwärmen 
und ebenso schnell wieder abspringen. 

Rasch und kühn, wenn auch ohne Überlegung, verknüpfen 
sie Vorstellungen und so erscheinen sie geistreicher und 



Heute gehört er zu den alltäglichen Ereignissen. Denn es vergeht fast 
keine Woche, ohne dafs uns die Tageblätter nicht von irgendwoher die 
Nachricht eines von einem Kinde begangenen Selbstmordes zutrügen. Für 
den Kenner, namentlich aber für den Irrenarzt, hat diese betrübende Er- 
scheinung nichts Überraschendes mehr. Denn er weifs, dafs es die ominöse 
Dreiheit von Nervosität, Geisteskrankheit und Selbstmord ist, die dem 
Krankheitsgenius unserer Tage ihren unheimlichen Stempel aufdrückt. 
Unsere Kinder aber stehen unter denselben Lebensverhältnissen wie wir 
und nehmen ihren nicht gering bemessenen Anteil an den allgemein ver- 
anlassenden Ursachen." 

Desgl. Emminghaus, „Die psychischen Störungen im Kindesalter." 
Tübingen 1887. S. 155 — 167. 



— 12 — 

witziger als sie wirklich sind. „Warum ertrinkt die Schnecke 
im Wasser und warum der Stein nicht?" fragte mich jener 
ebenso reizbare wie geschwächte achtjährige Knabe, als er 
keine Schnecken ins Wasser werfen sollte. Jede Erzählung 
unterbricht derselbe immer wieder durch allerlei zweckmäfsige 
wie einfältige abschweifende Fragen. Z. B.: „Das Mädchen 
bekam bei der Frau Holle zuletzt Heimweh," wird erzählt. 
, Heimweh, was ist das? : fragt er. „Es weinte und wollte 
wieder nach Hause." ,Ja, das versteh ich, aber was ist 
Heimweh?' — „Robinson litt auf seiner Insel grofsen Hunger." 
, Aber warum geht er nicht zum Bäcker und kauft sich Brot ?' 
U. s. w. 

Nicht selten macht das Lob, welches man solcher „Leb- 
haftigkeit und Aufgewecktheit" eines Kindes, die es schon in 
der Wiege zur Schau trägt, spendet, die Eltern glücklich und 
stolz; sie werden ermutigt das Kind weiterhin geistig recht 
zu wecken und wecken zu lassen durch Necken, Liebkosen, 
Spielen, Fragen u. dgl. , bis es infolge der Überreizung all- 
mählich — verdummt. 

Nicht minder kann das Wollen und Handeln geschwächt 
wie zugleich reizbar gesteigert sein. Ein Gefühl, eine Vor- 
stellung, die bei einem Gesunden keinen Willensimpuls giebt, 
führt hier schon zu einer Handlung, die man mit Recht eine 
unbesonnene nennt. Es fehlt bei solchen Naturen eben das, 
was man Besinnung nennt: die Hemmung eines empfangenen 
Reizes im Bewufstsein. Sie gleichen einem Wagen, der berg- 
auf und -ab zu fahren hat mit einer Bremse, die nicht intakt 
ist. Bei Lustgefühlen, z. B. bei dem des Könnens, ist das 
Wollen und Vollbringen in angsterregender Weise gesteigert. 
Es fehlt bergab die Bremse. Im entgegengesetzten Falle tritt 
ein entschiedenes Nichtwollen und, wenigstens ein angebliches, 
Nichtkönnen ein. Der bergauf fahrende Wagen ist gebremst 
und läfst sich nicht von der Stelle bringen. Launenhaftigkeit 
im Fühlen und Wollen, Leichtsinn im Handeln ohne schlechte 
Absicht, ist das Naturgemäfse. 

Bis in das nächtliche Traumleben erstreckt sich diese 
gesteigerte Erregbarkeit. Solche Kinder träumen oft und viel 
unter ungewöhnlicher Aufgeregtheit. Sie wälzen sich im Bett 
herum, werfen Decken ab, richten sich empor, haben Muskel- 



— 13 — 

zuckungen. schneiden Gesichter, schreien laut auf, stöhnen und 
schwatzen viel. Nicht selten auch sehen sie die Träume für 
halbe Wirklichkeit an und lassen sie im Wachen fortwirken. 

Sehr zutreffend bemerkt Koch (S. 23), dafs die reizbar 
schwachen, namentlich auch auf dem intellektuellen Gebiete 
reizbar schwachen Kinder noch mehr als die blofs reizbaren 
in Gefahr sind, bei einer unzweckmäfsigen Erziehungsweise 
schweren Schaden zu nehmen, zumal wenn anfangs nur die 
Reizbarkeit allein vorhanden zu sein scheint und sich mit 
Eigenschaften verbindet, welche die Kinder vielversprechend 
erscheinen lassen. Die Schwäche lauert dann nur dahinter 
und kommt doch noch bei der ersten besten Gelegenheit, wie 
z. B. bei einer Überbürdung mit unverstandenem Unterrichts- 
stoffe, zu Tage, nicht selten „als eine den Laien verblüffende, 
unheimliche Erschlaffung, als ein Herabsinken der Wunder- 
kinder ins Gewöhnliche und unter das Mittelmafs, als volle 
Degeneration, ja in ausgesprochener Psychose desto früher und 
desto gewisser, je mehr man die Sache verkennt und die 
Kinder, statt sie zu schonen und in sachverständige Behand- 
lung zu geben, noch hineinhetzt, überreizt und überheizt, die 
Kinder mit den schimmernden Geistesgaben, welche ihr Ver- 
derben geworden sind, weil der vorhandenen Fähigkeiten und 
der glitzernden Frühreife wahres Wesen nicht erkannt oder 
nicht zugestanden wurde." 

Die Schwäche kann auch ohne gesteigerte Reizbarkeit 
bestehen, ja sie zeigt sich sogar am meisten mit Herabsetzung 
der Erregbarkeit und ist in den verschiedensten Graden vom 
schwachen Sinn bis zum Schwachsinn und zum Blödsinn all- 
gemein bekannt. Sie kann vorhanden sein auf dem Gebiet 
der Sinnesthätigkeit, des Percipierens und Appercipierens, des 
Gedächtnisses, der Vors tellungs Verknüpfungen und des Vor- 
stellungsablaufes u. s. w. , als Enge des Bewufstseins , als 
Schwäche im Gefühlsleben, als Willensschwäche, als Schwäche 
der Motilität und des Handelns u. s. w. 

Und wiederum umgekehrt kann die gesteigerte Reizbar- 
keit nach den verschiedensten Seiten hin sich ohne Schwäche 
zeigen, wenn sie auch naturgemäfs zuletzt eine Schwächung 
herbeiführt. — 



— 14 — 

In gleicher Weise liefsen sich zahlreiche Gruppen von 
Kegelwidrigkeiten im Nervensystem und Seelenleben aufzählen, 
die bald vereinzelt, bald vereinigt, bald in hohem, bald in 
geringerem Grade auftreten. Da sie aber ohne ausführliche 
Schilderung der Erscheinungen keinen Wert für den Leser 
haben, so mag diese Andeutung genügen. 

Der Raum gestattet es nicht, sonst könnte ich durch mit- 
leiderregende Charakterbilder, nach der Natur gezeichnet, 
jene Behauptungen des Psychiaters vom pädagogischen Stand- 
punkte aus leicht illustrieren. Nur ein paar typisch wieder- 
kehrende Züge der Entwicklung mögen darum genügen als 
Andeutung für das Eintreten der Schwäche und ihre Folgen 
bei den Naturen mit anfangs gesteigerter Erregbarkeit. 

Im vorschulpflichtigen Alter haben solche Kinder noch 
Interesse für alles, ja sie hören und sehen und denken und 
schwatzen in altkluger Weise zu viel über alles und jedes. 
„Reizende Kinder" werden sie genannt. Es fehlt ihnen aber 
schon die Ruhe und die Beständigkeit. Jeder neue Reiz löst 
unmittelbar eine neue Thätigkeit aus oder regt bei passiveren 
Naturen neue Gedankenverbindungen, oft sehr phantastischer 
Art, an; sie sind dem Schmetterlinge gleich, der ruhelos von 
einer Blume zur andern fliegt. Ist das Kindermädchen oder 
die Mutter schwach, so zeigt sich um so leichter Eigensinn, 
der oft ein Schreien, Hinwerfen, Stampfen mit dem Fufse und 
ähnliche zwecklose Bewegungen auslöfst. Bald sind sie kleine, 
alles und jedes ungehemmt nachsprechende Papageien, bald 
ist die Sprachentwicklung auch sehr gehemmt. In der Schule 
sind sie dem fremden und Gehorsam ernstlich fordernden 
Lehrer gegenüber anfangs musterhaft artig und fleifsig, manch- 
mal auch scheu und stumm; nach einer Überreizung in der 
Schule zu Hause oft das Gegenteil: sehr reizbar und fast 
nicht zu regieren, und schon in den ersten Schuljahren fangen 
sie an, Mütter und Geschwister zu tyrannisieren. 

Nicht selten findet man bei solchen Kindern eine Motili- 
tätsschwäche. „Trotz jahrelanger Bemühung unsrerseits 
ist das Kind weder zur rechten Selbständigkeit noch Schnellig- 
keit beim Ankleiden, beim Schulgang etc. zu bringen," klagt die 
Mutter. Und in der That, da lernt man körperlich anscheinend 
durchaus normal entwickelte Knaben und Mädchen von vier- 



— 15 — 

zehn Jahren und mehr kennen, welche sich noch nicht selbst 
an- und auskleiden können; keinen Brief zu öffnen und zu 
schliefsen wissen ; eine angebogene Postkarte nicht abzutrennen 
verstehen, selbst wenn man ihnen ein Messer in die Hand 
giebt; keine Lampe anzuzünden und auszublasen vermögen; 
kein Garten- und Hausgerät handhaben können, auch wenn 
sie im Garten grofs geworden sind; auf dem Eise nicht zu 
gleiten, mit einem Schlitten nicht zu fahren verstehen u. s. w. 

Im Unterrichte begnügt das Kind sich damit, die Worte 
zu merken, vor allem die gedruckten. Es zeichnet gewöhnlich 
miserabel, alles unter dem „Schönheits" -Winkel der Schriftlage, 
es schreibt aber vielleicht gut, manchmal auch herzlich 
schlecht in unsauberen Heften. Die Dinge betrachtet es als 
Nebensache. „Man sieht, der Knabe ist für Sprache begabt, 
er mufs auf die Lateinschule!" 

Da sind die Fortschritte dieselben. Wortwissen und 
Sachkenntnisse gehen immer weiter auseinander. Alles, was 
wie die Vokabeln und grammatischen Regeln, die Namen und 
Jahreszahlen in der Geschichte, das Ziffernrechnen, die reli- 
giösen Memorierstoffe u. s. w. wortmäfsig und mechanisch dem 
Gedächtnis eingeprägt wird, geht anfangs glatt von statten, 
allein es bleibt mechanisch. Ich habe bereits vier Tertianer, 
bezw. Quartaner kennen gelernt, die mir beim besten Willen 
nicht zu sagen noch zu veranschaulichen wufsten, was man 
sich bei 12 : 6 = 2 denken solle. Schliefslich geht auch hier 
der Krug so lange zum Brunnen, bis er bricht. Ein wieder- 
holtes Nichtversetztwerden trotz häuslicher Instruktoren mahnt 
die Eltern, ein anderes Bildungsasyl zu suchen, zumal wenn 
die nervöse Reizbarkeit und die Schwäche des Willens auch 
in der Schule grofse Fortschritte in Ungezogenheiten gezeitigt 
haben. 

Nachdem Geist und Wille namentlich durch einseitigen 
Sprachunterricht noch mehr geschwächt oder gar geschädigt 
worden, wandern dann diese reizbar schwachen, gleich den 
allermeisten andern psychopathisch minderwertigen Knaben ge- 
wöhnlich vom Gymnasium auf die Realschule. Ein grofser 
Teil findet sich auch hier nicht mehr zurecht; er wird wieder 
abgestofsen und nun von den Eltern entweder auf eine Er- 
ziehungsanstalt mit Berechtigung oder auch auf eine sogen. 



— 16 — 

..Presse" geschickt — die letzte Rettungsstation der socialen 
Ehre und des Scheines einer privilegierten militärischen 
Berechtigung! Mit ausgeprefstem Geist, Gemüt und Willen 
soll nun ein Beruf gewählt und erlernt werden. Darf es uns 
da wundern, wenn nun auch hier wieder ein grofser Teil 
Schiffbruch leidet, nachdem manche der übrigen schon die Be- 
kanntschaft mit Nervenärzten oder gar mit geschlossenen An- 
stalten haben machen müssen? Und hätten viele dieser nun 
auch social Minderwertigen nicht durch eine zweckmäfsigere 
Erziehung und einen angemesseneren Bildungsgang von vorn- 
herein gerettet werden können? 

Wir meinen es und wollen uns darum zunächst den Ent- 
stehungsursachen und sodann der Verhütung und Behandlung 
solcher Minderwertigkeiten zuwenden. 



III. Ursachen der psychopathischen Minder- 
wertigkeiten. 

Unter den Entstehungsursachen nervöser und psy- 
chopathischer Minderwertigkeiten pflegt die Vererbung eine 
grofse Rolle zu spielen, nach meiner Erfahrung vielfach 
eine zu grofse und in vielen Fällen zugleich eine unheilvolle, 
vor allem bei denen, die unter dem Banne des nordischen 
„Realismus" stehen, der auf der Bühne die Wirklichkeit dar- 
zustellen vorgiebt, indem er die Schattenseiten derselben, die 
social wie psychopathisch minderwertigen Erscheinungen, zur 
Norm erhebt. Namentlich spielen die erblich belasteten psycho- 
pathisch Minderwertigen bei Ibsen eine Hauptrolle. Zum Glück 
haben wir es hier zunächst aber nur mit „Gespenstern" zu thun, 
die jedoch, wie ich gelegentlich an einem stark psychopathisch 
belasteten reizbar schwachen 16jährigen Landsmann von Ibsen 
interessant beobachten konnte, um so unheimlicher zu wirken 
vermögen, je gröfsere psychopathische Verwandtschaft vor- 
handen ist. Wie ein neues Evangelium hatte der Bursche 
trotz seiner intellektuellen Schwäche auf verschiedenen Ge- 
bieten u. a. die „Gespenster" und „Nora" verschlungen und 
sah unter grofser Aufregung nun immer Gespenster, die er 



— 17 — 

als seine Ideale verehrte und denen nachzuleben er sich red- 
lich bemühte.*) 

Dafs Eigenschaften der Eltern auf die Kinder vererbt 
werden, ist eine, wenn auch noch immer unaufgeklärte, 
T hat sache. Selbstverständlich werden auch krankhafte 
Eigenschaften vererbt; allein anscheinend seltener als die ge- 
sunden; vielleicht deshalb, weil das Krankhafte den Todeskeim 
schon in sich trägt. Wenn die Ärzte vielfach anderer Mei- 
nung sind, so hat das wohl darin seinen Grund, dafs ihnen 
immer nur die Kranken und nicht die Gesunden zuströmen. 
Doch wufste schon Moses, dafs „die Sünden der Väter heim- 
gesucht werden an den Kindern (jedoch nur) bis ins dritte 
und vierte Glied". Und in der christlichen Kirche spielt seit 
je das Dogma von der „Erbsünde" eine grofse Rolle. Allein 
vererbt werden kann das Krankhafte wie das Gesunde zu- 
nächst nur als Veranlagung. Denn würden wirklich die fer- 
tigen Eigenschaften vererbt, so müfste ja schon das neu- 
geborene Kind ein vollendeter Mensch sein. Die Eigenschaf- 
ten, wie sie sich später in dem Charakter des Erwachsenen 
zeigen, können sich nur allmählich entwickeln. Das wird ge- 
schehen, wenn die Anlage einen geeigneten Nährboden für die 
Entwicklung findet. Das Ererbte will auch hier, wie DuBois- 
Eeymond in einer Vorlesung einmal treffend darlegte, er- 
worben sein, um es zu besitzen. Sind nun die Umstände 
ungünstig, so wird die Anlage verkümmern, im andern Falle 
sich in dieser oder jener Form entfalten. Wahrscheinlich 
ist es also, dafs, wenn beide Eltern psychopathisch irgend wie 



*) Ein Ähnliches berichtet das mir leider erst während der Korrektur 
bekannt gewordene sehr beachtenswerte Schriftchen: „Wie bewahren 
wir unsere Kinder vor • Nervenleiden? Eine zeitgemäfse Frage 
beantwortet von Dr. Adolf Seeligmüller, Professor für Nervenkrank- 
heiten an der Universität Halle a. S. 2. Aufl. Breslau 1891." 

S 56 sagt der Verfasser: „Nie werde ich die Erregung vergessen, 
welche die Kranken meiner Heilanstalt infolge eines Journalartikels über 
„Vererbung" ergriff und tagelang beherrschte. Nachdem die Mehrzahl 
der Kranken diesen Aufsatz gelesen, hielt ein hypochondrischer Militär 
eine längere Rede, die in dem vernichtenden Satze gipfelte: ,Wir sind 
alle erblich belastet und darum sämtlich verloren?' — Wenn für irgend- 
wer so gilt es für diese Deszendenten nervöser Eltern : ,In deiner Brust 
sind deines Schicksals Sterne.'" 

2 



— 18 — 

belastet sind, auch die Kinder die Anlage mit auf die Welt 
bekommen, d. h. es liegt die Möglichkeit vor, dafs das 
Kind die Eigenschaften der Eltern annehmen kann. Umstände, 
wie z. B. eine entgegenwirkende Erziehung, können nun dies 
verhindern, können es im andern Falle aber auch fördern. 
Letzteres wird z. B. geschehen, wenn die fehlerhaften Eigen- 
schaften der Eltern das Kind stetig erziehlich beeinflussen, 
das Kind möglicherweise in den Fehlern und Schwächen der 
Eltern seine Ideale erblickt; aus welchem Grunde es sich 
denn auch empfiehlt, das Kind, sobald sich eine auffallende 
Belastung zeigt, wenigstens vorübergehend in andere, diese 
hemmende Umgebung zu versetzen. 

Mir will scheinen, als wenn vieles, was man Vererbung 
nennt, zum grofsen Teile Anpassung an die Gewohnheiten der 
Eltern, Nachahmung ihrer Bewegungen und Handlungen, An- 
bildung durch Pflege und Erziehung ist. Insbesondere dürfte 
das von seelischen Eigenschaften gelten. Der Pädagoge darf 
darum auch in der Beurteilung fehlerhafter Erscheinungen 
optimistischer als der Arzt sein, und meine Erfahrung liefert 
mir nur die Bestätigung dafür. 

Auch ist bei der Vererbung die Thatsache zu beachten, 
dafs, wohl aus den genannten Gründen, nicht immer dieselbe 
krankhafte Eigenschaft auf die Kinder übergeht, sondern nur 
eine Schädigung oder Schwäche überhaupt, die in der Fort- 
entwicklung sehr variieren kann! 

„Nicht immer — so sagt auch Scholz (S. 4 f.) — ent- 
wickeln sich die Anlagen, sozusagen, in gerader Linie, sondern 
es kommen auch Abweichungen vor. Bei den eigentlichen 
Nervenkrankheiten wird die Vererbung durch solche Ab- 
weichungen und Ungleichartigkeiten sogar geradezu beherrscht. 
Hier erscheint die Anlage in ihrer fertigen Entwicklung bald 
als einfache Neuralgie, bald als Epilepsie, bald als wirkliche 
Geisteskrankheit oder als Hang zu lasterhaften und aus- 
schweifenden Gewohnheiten. So kommt es, dafs in belasteten 
Familien oft die verschiedensten Formen der Umwandlung 
und eine wahre Musterkarte aller möglichen Nervenleiden, als 
Triebe der gemeinsamen kranken Wurzel, sich vorfinden. Ähn- 
liches scheint sich auch bei der Vererbung blofser Charakter- 
eigenschaften zu wiederholen. Was z. B. bei dem Vater als 



— 19 — 

Stolz auftrat, erscheint bei dem Sohne alsdann wohl in der 
gesteigerten Form der persönlichen Überhebung, oder al& 
Mifstrauen in die Gesinnung anderer. Vorsicht verkehrt sich 
mitunter in Mifstrauen und Geiz, Geiz in Härte und Grau- 
samkeit. Oder umgekehrt bei den Kindern frommer und 
menschenfreundlicher Eltern zeigt sich die ererbte Anlage in 
den verschiedensten Formen christlicher Charity. Der eine 
Sohn will Prediger, der andere Arzt werden, der eine 
schwärmt für das Wohl der Menschheit im grofsen und gan- 
zen, der andere liebt es, mehr dem Einzelnen nachzugehen. 
Die eine Schwester übt praktische Nächstenliebe, bei der an- 
dern zeigt sich die Umwandlung der ererbten Anlage als 
Enthusiasmus für Kunst und Wissenschaft. — Auch intellek- 
tuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten scheinen bei ihrer Ver- 
erbung nicht selten eine Umwandlung in verwandte Formen 
zu erleiden. Mathematiker haben mitunter tüchtige Musiker 
zu Söhnen, die rhythmische, thematische und symmetrische Ver- 
anlagung des Musikers findet mitunter in der Neigung des 
Sohnes zur Baukunst, dieser ,gefrorenen Musik', wie Heine 
sagt, ihren verwandten Ausdruck". 

Wenn nun in der That vieles von dem Ererbten es auch 
nur zu sein scheint und in der Hauptsache Erworbenes 
ist, so dürfen wir jedoch wohl so viel als Thatsache behaup- 
ten, dafs eine Disposition zu psychopathischen Minderwertig- 
keiten dann als angeboren betrachtet werden darf, wenn bei 
den Vorfahren psychopathische Minderwertigkeiten, Geistes- 
krankheiten oder sonstige Nervenleiden bestanden, oder wenn 
die Eltern unter Umständen auch Vater oder Mutter allein 
zu der Zeit der Zeugung zwar nicht nervenkrank waren, 
aber durch überstandene Krankheiten, durch Entbehrungen, 
durch Überanstrengungen im Beruf oder im geselligen Leben, 
durch das Alter oder sonst auf irgend eine Weise körperlich 
oder geistig geschwächt und heruntergekommen waren.*) 

Schwächlichkeit der gesamten Konstitution des Kindes 
oder auch nur des Nervensystems und damit bald die eine, 
bald die andere Schädlichkeit läfst sich dadurch erklären. 



•') Folgenschwere Bedeutung haben vor allem Trunksucht und Syphilis, 
der Eltern. 



— 20 — 

Eine Minderwertigkeit aber läfst sich nur dann bestimmt als 
vererbt bezeichnen, wenn sie in frühster Jugend sich zeigt 
und auch bei den Eltern irgend eine solche aufzuweisen ist. 
Zu viel Gewicht wird vielfach auch auf die „Degene- 
rationszeichen" gelegt. Wenn ein Schädel und das davon 
eingeschlossene Gehirn verbildet sind, so leuchtet ein, dafs 
das seelische Leben, dessen materielles Organ das Gehirn ist, 
auch abnorm sein kann. 

Allein manchem Schädel sieht man es äufserlich nicht an, 
was dahinter steckt, und wenn etwa ein Ohrläppchen an- 
gewachsen oder sonst ein körperliches Glied verbildet ist, so 
will mir nicht begreiflich erscheinen, warum deswegen' die 
ganze Persönlichkeit psychopathisch minderwertig sein soll. 
Überhaupt ist die ganze Lehre von der Vererbung weit mehr 
danach angethan, psychopathisch reizbar schwache Eltern gru- 
selig zu machen und pessimistisch zu stimmen, also psychische 
Schädigungen zu erzeugen, als bestimmte Aufschlüsse zu geben. 
Wichtig ist sie nur für den Arzt und den Erzieher, insofern 
die Schädigungen, welche die Vorfahren besessen haben, die 
Diagnose und die Therapie erleichtern und insbesondere Winke 
geben, nach welcher Eichtung durch Pflege und Erziehung 
vorzubeugen ist. 

Vielfach treten auch Schädigungen des Nervensystems 
vor der Geburt auf, die dem Kinde also auch angeboren, aber 
doch erworben sind. Ebenso entstehen solche während der 
Geburt, insbesondere durch Verletzungen des zarten Schädels. 
Wenn nun ein Kind schon mit einer schwachen Konstitu- 
tion oder gar schon mit Schädigungen des Nervensystems zur 
Welt kommt, so ist dasselbe weit mehr als das kräftig ge- 
borene den im späteren Leben auf dasselbe einwirkenden 
schädlichen Einflüssen ausgesetzt, und so kommt es denn 
leicht, dafs manche — wenn auch auf nervöser Grundlage — 
erworbenen psychopathischen Fehler als angeborene betrachtet 
werden. 

Die Ursachen der erworbenen psychopathischen Minder- 
wertigkeiten können sehr verschiedene sein. Bald sind es 
somatische, bald psychische. 

Als somatische Ursachen sind zunächst zahlreiche 
Fälle zu nennen, wo durch Hirnentzündungen, sowie durch 



— 21 — 

die bekannten Kinderkrankheiten dauernde seelische Anomalien 
erworben werden. Wenn nach solchen Krankheiten das Kind 
im Nerven- und Geistesleben auffallend verändert ist. so liegt 
die Ursache für jeden klar. 

Wichtiger, weil sie sich zumeist verhüten lassen, sind für 
die Erziehung andere somatische Ursachen, wie Überan- 
strengungen des Körpers, Verweichlichung oder auch über- 
triebene Abhärtung, Entbehrungen allerlei Art, Verletzungen 
des Körpers, insbesondere des Schädels durch Schlag, heftige 
Erschütterung , Druck u. s. w. , akute wie chronische Ver- 
giftungen mit Alkohol, Mifsbrauch von anderen Eeiz- und 
Genufsmitteln , Näschereien u. s. w.,*) und endlich physio- 
logische Entwicklungsvorgänge und Leistungen des Körpers, 
wie die Pubertätsentwicklung, **) die Menstruation und die ge- 
schlechtlichen Excesse. 

Unter den psychischen Ursachen sind zunächst die 
Überanstrengungen auf intellektuellem Gebiete, 
insbesondere durch den Unterricht zu nennen. Schon im 
Säuglingsalter will man oft die Kinder geistig wecken. Dann 
kommt der Kindergarten und die Kleinkinderschule mit einer 
Fülle von unverdaulichen Stoffen und Beschäftigungen. Dinge, 
die kaum im 8. — 10. Lebensjahre begriffen und verdaut werden 
können, bietet man schon 3 — 5jährigen Kindern. Die gesamten 
„messianischen Weissagungen" fand ich in einer Kleinkinder 
schule schon eingeprägt. In der Schule steigert sich die Sache 
noch mehr. Und so selten findet man ein Verständnis für 
diese Frage, insbesondere für die Anforderungen, welche an 
psychopathisch veranlagte Kinder gestellt werden dürfen. 

Hunderte von Schulreformschriften sind z. B. in den 
letzten Jahren erschienen; aber vergebens sucht man nach 
einer einzigen, welche sich unserer aus neuro- und psycho- 
pathischen Ursachen auch social gefährdeten Jugend ernstlich 
annimmt, soviel auch über Fehler und Härten in Unterricht 
und Erziehung, über unpassende Wahl des Lebensberufes, 
über noch unpassendere Vorbereitung für denselben und in- 

*) Näheres u. a. bei Seeligmüller a. a. 0. S. 24-36. 

**) Die Pubertätsentwicklung und das Verhältnis derselben zu dem 
Krankheitserscheinungen der Schuljugend von Prof. Axel Key in Stock- 
holm. Berlin 1890. 



— 22 — 

folge dessen über die systematische Vernichtung von unzäh- 
ligen geistigen und sittlichen Existenzen im allgemeinen ge- 
sagt und geklagt wird. 

Gegen die geistige Üterbürdung der Jugend ist aller- 
dings seit einem halben Jahrhundert viel geredet und ge- 
schrieben worden; allein zu der Einsicht ist selten jemand 
gekommen, dafs der geistig und sittlich kräftige und gesunde 
Teil unserer gymnasialen Jugend kaum quantitativ überbürdet 
worden ist, wohl aber die meisten der Knaben und Mädchen, 
die zu der Schularbeit, die sie ohnehin schwer belastet, weil 
sie qualitativ vielfach ungeeignet für ihren Geist ist, nun 
durch Nachhülfestunden auch noch zu Hause von derselben 
ungeniefsbaren Kost vorgesetzt erhalten, so dafs sie ihnen 
vollends zum Ekel und zu einer schädigenden Last wird. 
Nicht die Stundenzahl überbürdet in erster Linie, sondern 
was den Schülern in den fraglichen Stunden geboten wird 
und die xirt, wie man es darbietet und wie sie es auf- 
zunehmen vermögen. Langeweile ermüdet; nicht frische, fröh- 
liche Arbeit. Widerwille reizt, überreizt, erschöpft und ver- 
giftet zuletzt das Wollen; nicht aber ein andauerndes leb- 
haftes Interesse. Zwang schafft Furcht und Zittern, Lug und 
Trug; freier Wille dagegen Charakterstärke und Geisteskraft. 

Der Schwerpunkt der Überbürdungsfrage liegt an einer 
Stelle, wo er so selten gesucht wird. Er liegt in dem von 
Dörpfeld*) so vortrefflich gegeifselten didaktischen Ma- 
terialismus, der unsern öifentlichen Erziehungsgeist beseelt 
und durch alle die zahllosen Prüfungen und Berechtigungen 
von oben her systematisch gepflegt wird: in jener oberfläch- 
lichen pädagogischen Ansicht, welche den Wissensstoff und die 
technische Fertigkeit als solche für seelische Kraft und 
geistigen Zuwachs hält und nicht begreifen will, dafs Geist 
und Wille nicht von dem leben, was sie essen, sondern nur 
von dem, was sie verdauen, und dafs darum alles, was mehr 
hineingestopft wird, nicht nur nicht nützt, sondern schadet. 

Diese Haus, Schule, Kirche, Staat und geselliges Leben 
leider allzusehr beherrschende Anschauung wird dadurch noch 
gefahrdrohender für Geist und Nerven der nachwachsenden 

*) Der didaktische Materialismus. 2. Aufl. Gütersloh 1886. 



— 23 — 

Generation, dafs sie sich mit dem Verbalismus associiert, 
der das Bibel wort: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber ist 
es, der lebendig- macht" in sein Gegenteil verkehrt. „Lerne 
nur die Worte, das Verständnis wird dir schon im späteren Le- 
ben kommen", das ist nicht blofs eine gefährliche Afterweisheit 
der Theologie bis auf den heutigen Tag, wir können sie in 
jedem Salon, in politischen Wahlreden, auf Kanzeln, in Schul- 
stuben, in jeder Lesefibel und jedem Lese- und Lehrbuch 
praktisch angewendet finden. Man nehme den Stundenplan 
einer beliebigen Klasse, namentlich der höheren Schulen, und 
addiere, wie viele Zeit auf die Sprachform, auf Lesen, Schrei- 
ben, Grammatik, und wie viel auf die Bildung sachlicher Vor- 
stellungen verwendet wird! Am meisten trägt sogar das 
erste Schuljahr bei, nicht blofs den Geist, sondern auch — 
nach des Physiologen Preyer Ansicht — das Gehirn zu ver- 
bilden: das Schreib- und Lesecentrum entwickelt sich hyper- 
trophisch auf Kosten der übrigen Gehirnteile. 

„Auf ruf reif meist maust reist rast feist saust lau laut 
lauf mal faul weil." — 

„Die Citrone ist eine weiche, saftige Frucht. Der Chor 
singt einen Choral. Ich habe heute meine Censur bekommen. 
Die Cigarre glimmt. Der Cylinder ist rund." — „In unserm 
Garten ist eine Laube. Freuet euch des Lebens. Die Lerche 
schwebt in den Lüften und singt ein Lied dabei. Leget die 
Lügen ab. Die Luft ist lau. Gehorchet euren Lehrern und 
folget ihnen. Der Landmann bestellt den Acker. Liebet eure 
Feinde. Die Leinwand wird aus Flachs bereitet. Die Linde 
vor der Thür ist schon sehr alt." 

Diese Proben sind aus einer Lesefibel, dem einzigen Lern- 
buche für das erste Schuljahr, entnommen. Weder die Fibel 
noch die Stoffe sind besonders ausgesucht worden. Man findet 
solche öde, heterogene Stoffe in jeder anderen amtlich kon- 
zessionierten Fibel. Man schlage das landläufigste französische 
oder lateinische Lehrbuch auf und man findet genau dasselbe 
Bild. Desgleichen, wenn man die Überschriften in den be- 
hördlich eingeführten oder gar monopolisierten Lesebüchern 
zusammenstellt. Fibeln, Lesebücher und sprachliche Lehrbücher, 
welche zusammenhängende, Geist und Gemüt nicht stumpf 
machende Stoffe bieten, sind bis heute meines Wissens noch 



— 24 — 

in keiner öffentlichen Schule der deutschen Länder eingeführt. 
Es ist das amtlich nicht gestattet. 

Mit diesen Stoffen mufs sich nun aber das arme Schüler- 
hirn während der meisten Unterrichtszeit und der meisten 
Hausarbeitsstunden tagaus tagein, jahraus jahrein schriftlich 
wie mündlich beschäftigen. Darf es uns da wundern, wenn 
der Geist dabei verkrüppelt? 

Hinzu kommt noch, dafs die landläufigen Leitfäden für 
den Sachunterricht auch nur Knochen ohne Fleisch bieten, an 
welchen keiner nagen wird, der es nicht notgedrungen mufs. 

So führt man den Schüler überall auf dürre Heide, und 
ringsumher liegt schöne grüne Weide. Obendrein klagt man 
ihn an, dafs er zerstreut, zerfahren, unaufmerksam, stumpf 
und faul ist. Armer Schüler! 

Dann kommt als andere Hauptursache der Überbürdung 
unserer zahlreichen neuro- und psychopathisch wie auch der 
gesunden, aber schwach beanlagten Kinder hinzu, dafs die 
hergebrachte Psychologie und mit ihr die landläufige Päda- 
gogik bewufst oder unbewufst immer nur normal begabte 
Seelen ins Auge fafst, und dafs mit diesen auch das öffentliche 
Schulwesen alle Einrichtungen nur für die normalen, d. h. für 
die körperlich und geistig Gesunden und Kräftigen bemifst. 
Fängt doch erst in allerjüngster Zeit die Volksschule an, für 
auffallende Schwächlinge besondere Klassen zu errichten. Hat 
die Schule den Zweck, die Jugend für gewisse staatliche und 
gesellschaftliche Berechtigungen nur zu sieben, so kann man 
nichts wider jene Einrichtungen sagen und auch nicht klagen, 
wenn z. B. ein Gymnasium von 42 Sextanern nur drei bis 
zum Reifezeugnis bringt. Hat aber das öffentliche Schulwesen 
zunächst die Aufgabe, für die zweckmäfsigste Bildung jedes 
einzelnen Kindes zu sorgen, wie jede Familie es wünschen 
mufs, so wird es seiner Aufgabe nicht gerecht, wenn es so 
zahlreiche Kinder, welche infolge ihrer leiblichen und see- 
lischen Veranlagung den Forderungen nicht gewachsen sind, 
erst mitschleppt und dann vielfach erschöpft oder gar an Leib 
und Seele geschädigt auf der Strecke des höheren Bildungs- 
marsches liegen läfst ; ohne Teilnahme und heilsame Ratschläge, 
ohne hinreichende Vorsichtsmafsregeln zur Verhütung der 
Schwächung und Entartung. 



25 — 



Wie dem abzuhelfen ist, insbesondere auch, wie die Fa- 
milie, welche im Grunde alles Leid und die gröfste Last 
tragen mufs, wenn die Kinder in der öffentlichen Schule miis- 
raten, gegenüber der die Schule zu sehr beherrschenden 
Bureaukratie und Scholarchie ihre berechtigten Ansprüche 
sollte geltend machen können, das zu untersuchen kann hier 
nicht unsere Autgabe sein. Ich mufs darum verweisen auf 
meine besonderen Abhandlungen über diese Frage.*) 

Was so zahlreiche nervöse und psychopathisch belastete 
Kinder dazu zwingt, sich so abhetzen zu lassen, ist die Sorge 
um den Berechtigungsschein zum einjährig-frei- 
willigen Militärdienst, den sie bei vernünftigerer Aus- 
bildung in vielen Fällen ohne Frage schneller und sicherer 
erreichen würden. 

Der einjährig-freiwillige Dienst gut als ein Privilegium 
der materiell Begüterten unserer Nation. Von unserm Stand- 
punkte aus betrachtet, ist er oft eher das Gegenteil : der An- 
fang für geistige, sittliche und oft auch körperliche Entartung 
der Berechtigten und für Kummer und Sorge der Familie um 
ihr entartetes Glied. Unsere Aufgabe ist hier nicht, die po- 
litische und sociale Seite dieser Frage zu erörtern **) Ich 
will hier nur vom pädagogisch-pathologischen Standpunkte mit 
Nachdruck darauf hinweisen, dafs an Stelle der Erpressung 
des Berechtigungsscheines eine Erziehung Platz greifen könnte 
welche psychopathische Minderwertigkeiten verhütet und bessert 
und die weniger begabten Knaben mit einer geistig, sittlich 
und social gesunderen Bildung für das Leben ausrüstet. Mag 
doch das Müitärwesen selber alljährlich im Heere Prüfungen 
abhalten und die, welche sie bestehen, mit einem Jahre ent- 
lassen; das Erziehungswesen in erster Linie zu einer Vor- 
bereitungsanstalt für militärische Berechtigung zuspitzen, 
schadigt den geistigen, sittlichen und wirtschaftlichen Wert 
des heranwachsenden Geschlechts, sowie auch die Wehrkraft 

Slün mi t? edanern erftiIlt es d» Pädagogen zu sehen, wie 
diesesBerechtigungswesen unsere so hochangesehenen deutschen 

*) »as Verhältnis der Schule zum socialen Leben. Gütersloh 1890 
D,e Fannhenrechte an der öffentlichen Erziehung. 2. Aufl. Langensalza 1892 
) Einiges findet s.eh darüber in meiner Abhandlung: „Die Schule 
und die wmschaftlich-sociale Frage.« Gütersloh 1890. 



— 26 — 

E r z i e h u n g s - Anstalten allmählich zu einseitigen Bildungs- 
„ Pressen" herabmindert, ganz gegen den Willen ihrer Leiter 
und Lehrer. — 

Doch nicht blofs die geistige Überfütterung mit unverdau- 
lichen Stoffen schafft psychopathische Minderwertigkeiten, auch 
die geistigen Entbehrungen tragen ihr Teil dazu bei. 
Dafs der Mangel an jedem Geistesleben in den ärmeren Fa- 
milien, namentlich der Landbevölkerung und der vagabun- 
dierenden städtischen Proletarier, zahllose Minderwertigkeiten 
in Form von Schwachsinn — ich erinnere an die hohen Pro- 
zentsätze der Analphabeten bei der Rekruten aushebung in den 
östlichen Provinzen — und von moralischer Entartung zeitigt, 
weifs ein jeder. Dafs aber unsere überbürdete „höhere" Ju- 
gend durch geistige Entbehrungen ebenfalls geschädigt wird 
an Geist und Gemüt, ist nicht so handgreiflich. Dennoch aber 
ist es eine Thatsache, die oben bereits ausgesprochen wurde. 
Sie wird überbürdet mit Wortwissen und mit Wissen über 
Worte mit nicht oder falsch verstandenem, zusammenhangs- 
losem und darum armem, ermüdendem und interesselosem In- 
halte, während das auf lebendiger Anschauung beruhende und 
in kausalem Zusammenhange stehende Wissen von Sachen und 
Thatsachen derart zurücktritt, dafs geistige Interessen dabei 
absterben oder aufserhalb der Schule in zügellosem Drange 
nach krankhafter Befriedigung streben. 

Noch schädlicher wirken Überanstrengungen wie Ent- 
behrungen im Gemüts- und Willensleben, zumal wenn 
sie sich mit intellektuellen associieren. Andauernde Angst und 
Sorge, stetige Furcht vor Strafe, Aufstachelung des Ehrgeizes, 
überhaupt Erregung der Affekte, Triebe und Leidenschaften, ein 
übermäfsiges und einseitig genährtes Phantasieleben durch ver- 
kehrte Erholungen, unzweckmäfsige Lektüre und unrichtige 
Einwirkung von Seelsorgern und Ärzten, sowie auch das Ge- 
genteil, die Vernachlässigung der Gemüts- und Charakterpflege, 
verursachen seelische Fehler und nicht selten krankhafte Zu- 
stände. Manche bedenkliche und gefährliche psychopathische 
Minderwertigkeiten sind hier durch „Verprügelung" und dort 
durch „Verhätschelung" zur Entwicklung gekommen. 

Je mehr derartige schädigenden Einflüsse bei einem In- 
dividuum sich nun geltend machen und häufen, desto stärker 



— 27 — 

ist die Wirkung*. Die Gefährlichkeit intellektueller Überan- 
strengungen für sich allein wird z. B. vielfach überschätzt. 
Manche Geisteskrankheit, die daraus hervorgegangen sein soll, 
hatte ihre Ursachen noch in vielen andern Dingen, wie z. B. 
in der angeborenen Schwäche des Geistes oder in einer an- 
deren angeborenen oder erworbenen psychopathischen Minder- 
wertigkeit und allen jenen oben erwähnten Schädlichkeiten für 
Leib und Seele. 

Die harten Vorwürfe, welche von ärztlicher Seite 
der Schule gemacht werden, sind darum in ihrer All- 
gemeinheit nicht berechtigt. 

Wenn von Ärzten die Schul Verhältnisse vielfach heftig 
angeklagt und neben vielen andern Kinderkrankheiten auch 
die Nervosität und andere neuro- und psychopathishe Zu- 
stände direkt als „ Schulkrankheiten u bezeichnet werden, so ist 
zunächst zu bemerken, dafs es hier manchen Ärzten ähnlich 
ergeht, wie den Schulmännern, welche als „Naturheilkundige" 
über die Folgen der Medizin reden. Wenn auch ein Übel 
richtig erkannt wird, so weifs man, wenn man auf dem Ge- 
biete nicht zu Hause ist, doch die eigentlichen Ursachen nicht 
aufzudecken, und so fährt man dann daneben und bringt ein 
Gemisch von Wahrem und Falschem zu Tage, auch empfiehlt 
man Mittel, die in fachmännischen Kreisen durch zweck - 
mäfsigere weit überholt worden sind. Doch möchte ich keines- 
wegs tadeln, dafs die Ärzte sich mit Schulfragen beschäftigen. 
Im Gegenteil wäre zu wünschen, dafs auch noch andere Be- 
rufskreise sich mehr an der Debatte der Erziehungsfragen be- 
teiligen. 

Die Fortschritte gehen auf allen Gebieten nicht blofs aus 
den Forschungen der Fachmänner hervor, sondern ebensosehr 
aus den Anregungen der Laien. Und wohl dem Fachmanne, 
der von Laien etwas zu lernen versteht! Vor dem „Pfaffen- 
tum", das in der Pädagogik und der Medizin in demselben 
Mafse wie in der Theologie zu finden ist, wird er dann be- 
wahrt bleiben. Die Klagen und Wünsche der Ärzte fordern 
uns darum doppelt zur Vorsicht auf. 

Wohl die gelesenste und in vielen Auflagen verbreitete 
ärztliche Anklageschrift ist die von dem Bonner Professor Dr. 
Karl Pelman: „Nervosität und Erziehung". In der 



— 28 — 

Kritik bestehender Mifsstände findet er in vielen Stücken 
unsern vollen Beifall; allein gar oft gerät er in Schulfragen 
ins Dunkle und Ungewisse und greift vor Verlegenheit u. a. 
zu Rezepten des grofsen Pädagogen — Napoleon I. Doch da 
diese Schrift neben mehreren anderen schon vortrefflich von 
Ufer*) beurteilt wurde, so begnügen wir uns mit einem em- 
pfehlenden Hinweise darauf. 

Eine gröfsere Vertrautheit mit den wirklichen Schul- 
verhältnissen zeigt Dr. Adolf Baginsky, Professor an der 
Universität Berlin und Direktor des Kaiserin Friedrich Kinder- 
krankenhauses daselbst, alle in Betracht kommenden Fragen 
in seiner umfangreichen „Schulhygiene".**) 

Wir möchten hiermit auf diese Schriften die Rat Suchen- 
den blofs verweisen. Denn uns interessieren hier vor allem 
nur die Klagen, dafs die Schule durch Überanstrengung psycho- 
pathische Minderwertigkeiten und Psychosen verursache, wie 
neben Pelman vor allem der Medizinalrat Dr. Hasse behauptet. 
Derselbe berichtet u. a. in einem Vortrage: „Über den Ein- 
flufs der Überbürdung unserer Jugend auf den Gym- 
nasien und höheren Töchterschulen mit Arbeit 
auf die Entstehung von Geistesstörungen," gehalten 
auf der Jahresversammlung der deutschen Irrenärzte zu 
Eisenach am 3. und 4. August 1880, dafs er in l 1 /« Jahren 
sieben Fälle behandelt habe. 

Bei allen Patienten wiederholten sich eine Reihe Symp- 
tome derselben Natur. Unter diesen in erster Linie Kopf- 
schmerz, daneben das Gefühl von Öde und Leere im Kopf, 
Taumel, Schwindel und grofse Unbesinnlichkeit. Im Gemüts- 
leben Übellaunigkeit und hochgradige Reizbarkeit. Im Körper- 
lichen finden sich: verstärkte Herzaktion, kleiner harter Puls, 
heifser Kopf, kühle Extremität, weite Pupillen, retardierte 
Verdauung, in drei Fällen Erregung im Geschlechtsleben und 
Befriedigung derselben durch Onanie. Fünf Patienten waren 
sehr kurzsichtig. 

Die Lehrer sagen nun u. a., dafs die Lehrziele bei nor- 
maler Begabung zu erreichen seien. Hasse aber fragt: 



*) Ufer, Nervosität und Mädchenerziehung. Wiesbaden 1890. 
**) Ein kurzes Kapitel über „Schulhygiene" bringt auch Professor 
Gärtner- Jena in seinem Leitfaden der Hygiene. Jena 1892. 



- 29 — 

„Was ist denn normale Begabung? Zum Begriff im all- 
gemeinen gehören drei Konstituenten, welche gleichmäfsig, 
oder ich will lieber sagen, in harmonischem Gleichgewicht vor- 
handen sein müssen, um den Begriff der normalen Begabung 
festzustellen. Diese drei Konstituenten sind: das Reproduk- 
tions-, das Produktions- und das Auffassungsvermögen. 

„Befinden sich diese drei geistigen Thätigkeiten gleich- 
mäfsig entwickelt, so spricht man von einer normalen Ver- 
anlagung, von einer normalen Begabung. Innerhalb dieses 
Eahmens giebt es nur den Unterschied einer vorzüglichen, 
einer guten und einer mittel mäfsigen , unter dem Niveau 
stehenden Begabung. 

„Unter normaler Begabung verstehen aber die Lehrer 
wenigstens eine gute Begabung. Die fehlt aber der Mehr- 
zahl unserer Jugend. Ist sie nicht schlecht, vielleicht sogar 
gut, so ist sie doch einseitig veranlagt. Sie gravitiert, 
während die andere oder die anderen mehr oder weniger ver- 
kümmert sind. 

„Mit der Bezeichnung „normaler Begabung" sollte man 
recht vorsichtig sein. Sie ist in heutiger Zeit eine seltene 
Erscheinung, viel seltener, als man dies anzunehmen ge- 
neigt ist." 

„Aber es ist nicht dieser Defekt allein, welcher die Schu- 
lung und Heranbildung unserer Jugend für die nötig erachtete 
Leistung in literis auf den Schulen so sehr erschwert. Es 
giebt noch anderes, das ebenso schwer wiegt und ebenso grofse 
Gefahren in sich birgt. Das ist der Mangel an geistiger 
Frische, Energie und Elasticität, der Mangel an Widerstands- 
fähigkeit gegen gröfsere Anforderungen und der Mangel an 
Ausdauer in der Arbeit." 

Auch dieser Mangel ist für Hasse ein psychischer Defekt, 
ebenfalls ein Vermächtnis der Zeit, der Zeitverhältnisse 
und der von diesen gebildeten Persönlichkeiten, 
ein Erbstück, übertragen von nervösen und geisteskranken 
Eltern auf ihre Kinder. 

Unsere bisherigen Darlegungen werden genügen, um be- 
haupten zu können, dafs die Schule durchaus nicht die Schuld 
trägt, die jene ihr für gewöhnlich in dieser Frage zumessen, 
und auch Hasse mufs das hinterdrein zugestehen. Wenn viele 



— 30 — 

Kinder nicht so mit psychopathischen Minderwertigkeiten ge- 
boren würden, wenn die Mifsgriffe in der Familie nicht vor- 
kämen, wenn das ganze sociale Leben nicht so nerven- und 
geisterregend und schädigend wirkte, so würden die Klagen 
gegen die Schule weniger laut erklingen, so viel hier auch 
noch zu bessern sein mag. 

Hinzu kommt noch, dafs alle jene Umstände auch ihre 
Wirkungen auf die Lehrer ausüben. Der didaktische Ma- 
terialismus und der Verbalismus ist nicht ihre Schuld allein; 
er liegt in der auch sie umgebenden socialen Luft. Nach den 
Leistungen im Wortwissen in den Prüfungen beurteilen Be- 
hörden wie Eltern die Arbeit der Lehrer und die Leistungen 
der einzelnen Schulen. Die Eltern schicken schon das sechs- 
jährige Kind in die Schule, welche den scheinbar gröfsten 
Wissensstoff aufzuhäufen versteht, gleichviel ob das Kind ihn 
verdauen kann oder nicht. Sonst würden sie manches Kind 
mit sechs Jahren überhaupt noch nicht in eine Schule schicken^ 
die nach landläufigen Lehrplänen arbeitet, sondern getrost bis 
zum siebenten Lebensjahre warten. Andere wiederum würden 
dann die Volksschule der Vorschule vorziehen, weil jene For- 
derungen stellt, die ein gesundes sechsjähriges Kind erfüllen 
kann, ohne dabei psychopathisch minderwertig zu werden, 
diese aber entschieden zu viel verlangt, wenn das Kind im 
ersten Schuljahre den Zahlenraum bis hundert beherrschen, 
fliefsend lesen und orthographisch richtig schreiben lernen soll. 
Auf alle Fälle könnte Nützlicheres und mehr Geist und Ge- 
müt Bildendes betrieben werden. 

Wie in solchen Vorschulen für Kinder „besserer Stände Li 
die Frühkulturen getrieben werden, darüber nur ein Beispiel. 

In dem Censurheft eines 7 1 /2Jährigen Knaben aus dem 
Jahre 1882 wurde nach 1 ^jährigem Schulbesuch wörtlich 
niedergeschrieben: „N. N. ist im Lateinischen etwas zurück- 
geblieben, wird aber während der Ferien das Versäumte 
leicht einholen. Sein Betragen ist trotz sehr grofser Munterkeit 
doch im ganzen gut, seine Aufgaben aber mufs er besser 
schreiben und seine Wörter pünktlicher lernen." Und 
2 /4 Jahr später: „N. N. machte in allen Lehrgegenständen be- 
friedigende Fortschritte, besonders waren seine lateinischen 
schriftlichen Aufgaben immer recht gut gearbeitet. Nur in 



— 31 — 

der Geographie wird es ihm schwer, sich in dem Atlas 
zu orientieren; sein Betragen war bei aller Munterkeit 
recht gut — von herzgewinnender Liebenswürdigkeit ! " 

Einige Jahre ging es weiter „im ganzen gut": war er 
doch für's Gymnasium ganz besonders vorbereitet! Allmählich 
traten jedoch auffallende Erscheinungen auf. Sogar eine wenn 
auch leichtere Form der Epilepsie stellte sich ein. Schliefslich 
mufste er von der Quarta an die bekannte Wanderschaft an- 
treten auf „tiefer stehende" Anstalten. Mit 15 Jahren taxierte 
er die Höhe meines Zimmers auf 20 m. Unsere Mafse und 
Gewichte waren ihm zwar dem Namen nach geläufig, aber in 
der That böhmische Dörfer. Latein übersetzte er gern ; sonst 
waren aber keine geistigen Interessen wach. Das Linnesche 
System war ihm geläufig; unter den Bäumen und Sträuchern 
meines Gartens war ihm aber keiner bekannt; schliefslich 
dämmerte ihm auf, dafs ein Strauch wohl Sambucus nigra 
heifsen könne. Sich „in dem Atlas zu orientieren", wurde ihm 
auch jetzt noch schwer. Er war in dem Aufsuchen der Haupt- 
himmelsgegenden nicht sicher, wufste sich in der Umgegend, 
wo er bereits ein Jahr geweilt hatte, nicht zurecht zu finden. 
Von Eichtungen und Entfernungen in gröfserem Umfange 
hatte er keine Ahnung, ebensowenig von der Gröfse irgend 
eines Landes, ja nur einer kleinen Ackerfläche. 

Das Ende mag der Leser sich selbst ausdenken. Treib- 
hauspflanzen darf man eben nicht in freie Luft stellen. 

Andere Mitschüler mit widerstandsfähigerer Konstitution 
des Gehirns haben dieses Treiben ja scheinbar ertragen, und 
doch wohl nur scheinbar. 

Die Gefahr besonderer Vorschulen besteht vor allem darin, 
dafs dieselben nicht fragen, was dem Kinde frommt, sondern 
was der gymnasiale Unterricht von der Vorbereitung fordert. 
Weil der aber in erster Linie sprachlich-grammatikalische 
Schulung verlangt, diese aber für ein zartes Hirn gefährlich 
werden kann, so werden verständige Eltern ein Kind lieber 
nicht schon so früh aufs Gymnasium schicken, zumal wenn 
sie merken, dafs der Sinn für Natur und Leben bereits er- 
sterben will, seelische Fähigkeiten und Interessen also schon 
zu kränkeln anfangen. Sie werden eine Schule vorziehen^ 



— 32 — 

welche nicht zuoberst nach den Wünschen des Gymnasiums, 
sondern nach dem Heile des Kindes fragt. 

Für die Gesunderhaltung des Geistes und Ge- 
mütes ist vor allem notwendig, dafs die Unterrichtsstoffe 
nicht einseitig, sondern qualitativ vollständig sind, damit 
alle geistig-sittlichen Interessen gleichmäfsig genährt werden; 
dafs ferner die Stoffmassen der Lehrpläne nicht so hetero- 
gen neben- und nacheinander auftreten, sondern in einen 
einheitlichen Kausalzusammenhang gebracht werden. „ Alles 
mufs ineinander greifen, eins durch andere gedeihen und 
reifen." Wie das geschehen kann, habe ich in dem jüngst 
erschienenen „Tagebuch für Unterricht und Er- 
ziehung u nebst „Begleitwort" (Gütersloh 1893) gezeigt. 
Der neueren Didaktik sind diese unsere Forderungen längst 
eigen, der landläufigen Schulpraxis und der offiziellen Päda- 
gogik aber leider noch sehr fremd. Von unserm pädagogischen 
Standpunkte aus hat schon Ufer*) die Bedeutung dieser Kon- 
zentrationsfrage für die „Erhaltung der Nervenkraft" bereits 
hinreichend gewürdigt und ich teile seine Ansicht voll und ganz. 

Auch für das praktische Leben, — so meinen wir mit 
Ufer — für den die Nervenkraft so stark in Anspruch neh- 
menden Kampf ums Dasein, ist der organische Gedankenkreis 
das beste Rüstzeug, denn auf ihm beruht zum grofsen Teile 
das, was man Anstelligkeit der Köpfe nennt. Ein wohl- 
geordneter und in sich gefestigter Gedankenkreis ist in viel 
geringerem Grade als sein Gegenteil der Häufigkeit heftiger 
Gemütserschütterungen ausgesetzt, welche nach dem Urteil 
der Ärzte und der allgemeinen Erfahrung zu den wirksamsten 
Ursachen aller möglichen Nervenkrankheiten gehören. 

Überdies erspart man durch zweckmäfsige und einheitliche 
Verbindung der Unterrichtsfächer und -Stoffe Zeit und Kraft 
im Unterricht. Man schlägt so oft zwei Fliegen mit einer 
Klappe. 

„Man hat die Erziehung — so lehrt der Philosoph und 
Pädagoge Herbart — nur dann in seiner Gewalt, wenn man 
einen grofsen und in allen seinen Teilen innig verknüpften 
Gedankenkreis in die jugendliche Seele zu bringen weifs, der 

*) Nervosität und Mädchenerziehung, Kap. VI. Nervosität und Ein- 
heit des Unterrichts, S. 50 — 71. 



— 33 — 

das Ungünstige der Umgebung zu überwiegen, das Günstige 
derselben in sich aufzulösen und mit sich zu vereinigen die 
Kraft besitzt."*) 

Um geistige wie körperliche Schwächen und Schäden zu 
verhüten, ist ferner notwendig, dafs man die Buchstaben 
etwas mehr zurück-und die Sachen und Thatsachen mehr in 
den Vordergrund treten läfst. Auch liefse sich im Sprach- 
unterricht manches vereinfachen. Unsere Schüler müssen sich 
von klein auf mit acht Alphabeten plagen. Die Hälfte könnte 
davon sehr wohl entbehrt werden. Opfern wir also unsere 
sogen, „deutsche" Schreib- und Druckschrift trotz der Lieb- 
haberei unseres hochverehrten Bismarck! Unsere Jugend wird 
weniger kurzsichtig werden und weniger Skoliose sich er- 
werben, sowie auch ihre Nervenkraft nützlicher verwenden 
können. 

Sodann fort mit der gezwungenen Körper- und Feder- 
haltung beim Schreiben durch Beseitigung der Schrägschrift!**) 

Dafs die höhere Schule die Schwachen grundsätzlich oder 
gewohnheitsmäfsig vernachlässigt, ersieht man auch daraus, 
dafs sie so viele körperlich Schwächliche von den beiden 
wöchentlichen Turnstunden dispensiert, während gerade ihnen 
tägliche Turnübungen sehr heilsam wären. Nicht die Starken, 
sondern die körperlich Schwächlichen bedürfen der meisten 
Leibesübungen! Dasselbe gilt vom Zeichnen und Singen. 

Doch der Schüler leidet nicht blofs an eigener Über- 
bürdung. Auch die des Lehrers schädigt ihn. 

Wenn aber die Lehrer, namentlich die an Volksschulen, 
durch ihre Berufsarbeit überangestrengt und an Geist 



*) Unter den Hauptschriften, welche in diesem Sinne eine Einheit und 
innere Harmonie des Unterrichts in bahnbrechendem Sinne angestrebt 
haben, sind zu nennen: Ziller, Grundlegung zur Lehre vom erziehenden 
Unterricht, Leipzig 1865; Dörpfeld, Grundlinien zur Theorie eines Lehr- 
planes, Gütersloh 1873; Rein, Pickel und Scheller, Die acht Schul- 
jahre, welche seit 1878 in mehreren Auflagen erschienen sind. 

**) Näheres werden wir später in einem besonderen Artikel über diese 
Frage bringen: Die Schrift und der Schreibunterricht, von K. 
Brauckmann, erster Lehrer an unserer Erziehungsanstalt. Der Aufsatz 
wird neben andern aus der Praxis stammenden Arbeiten im Laufe des 
Sommers in demselben Verlage erscheinen unter dem Titel: „Aus der 
Erziehungspraxis unserer Anstalt." 



— 34 — 

und Gemüt und damit auch in ihrer Leistungsfähigkeit ge- 
schädigt werden, so ist das ebenfalls nicht zu oberst ihre 
Schuld. Die intellektuelle Arbeit in den Schulstunden über- 
bürdet den Lehrer wohl selten. Sein ausgewachsenes Gehirn 
erträgt mehr als das des Schülers. Allein es kommen bei ihm 
noch geistige und namentlich aufreibende gemütliche An- 
strengungen hinzu, denen der Schüler nicht ausgesetzt ist. 
Und mufs er sich vollends mit Nahrungssorgen quälen oder 
steht er auch unter dem Zwange des geselligen Lebens mit 
seinen „Erholungen" in dumpfen Räumen, so kann er seine 
Arbeit nicht mit Freudigkeit verrichten, und die am meisten 
darunter leiden müssen, das sind wieder die psychopathisch 
minderwertigen Schüler. 

Auch hierin wäre manches zu bessern! 

Allgemein verbreitet ist ferner die Klage und selbst der 
vormalige preufsische Kultusminister von Gofsler stimmte ein, 
dafs die Lehrer höherer Schulen in erster Linie Gelehrte und 
nicht genug Lehrer und Erzieher sind. Aber das ist 
ebenfalls ihre Schuld nicht. Es gab bisher keine beruflichen 
Bildungsanstalten für sie; die Universität bildete nur Gelehrte, 
keine Lehrer und Erzieher. Seminare für Lehrer höherer 
Schulen sind erst seit einigen Jahren im Werden, und an den 
Universitäten wurde mit Ausnahme von Leipzig und Jena bis- 
her von einem Philosophen oder einem Theologen nur so ganz 
gelegentlich auch einmal ein Kolleg über Pädagogik gelesen. 
So kam der Lehrer ohne Verständnis für die Erziehung nor- 
maler Kinder ins Amt; wie kann man da von ihm verlangen, 
dafs er Verständnis und Interesse für pathologische Erschei- 
nungen besitze? Darf es uns da wundern, wenn ein Gym- 
nasium jahrelang einen Zögling mitschleppt und ihn für geistig 
gesund hält, den unsere Anstalt für psychopathisch belastete 
Kinder wegen Paranoia unmöglich aufnehmen konnte, sondern 
ihn erst monatelang im Irrenhause behandeln lassen mufste? 
Mit Recht klagt zwar der Vater eines andern Zöglings, bei 
dem die einseitige geistige Überanstrengung in einer Vorschule 
schon im zweiten Schuljahre neben Interesselosigkeit bedenk- 
liche Willensstörungen verursacht hatte: „Wer nicht taktlos 
genug ist, uns offen zu tadeln, dafs wir unser Kind der Schule 
entnommen haben, der läfst wenigstens deutlich merken, dafs 



- 35 — 

er anders darüber denkt als wir ... Sie sehen, wie schwer 
es Eltern gemacht wird, für ihre Kinder richtig zu sorgen. . . 
0, in welch weiter Ferne liegt noch die Reform des Unter- 
richts! Eins schickt sich nicht für alle, sagt wohl jeder 
gläubig nach, aber dafs alle dasselbe lernen müssen und 
lernen können, wird nichtsdestoweniger vorausgesetzt/ 1 
Doch die Klage trifft weit mehr „die Vorurteile der Gesell- 
schaft" und die uniforme Organisation des Schulwesens als 
die einzelnen Lehrer, so sonnenklar auch der Verlauf der 
krankhaften Erscheinungen darthut, dafs Unterricht und Er- 
ziehung wenigstens die Gelegenheitsursache waren ; denn schon 
nach einer halbjährlichen zweckmäfsigen Behandlung bekennt 
der Vater: „Ich mufs offen gestehen, dafs ich einen solchen 
Erfolg nicht für möglich gehalten hatte." 

Auch bei Ärzten findet man ebenfalls nicht immer ein 
klares Verständnis für derartige Zustände. Hier fällt z. B. 
so. manches in die Sammelurne „Schwachsinn", wo ursächlich 
ganz andere Anomalien vorherrschen. 

Aus den angegebenen Gründen finde ich es darum ganz 
natürlich, wenn Lehrer und Angehörige psychopathische Min- 
derwertigkeiten wie in dem letztgenannten oder gar Psychosen 
wie in dem erstgenannten Falle nicht als solche zu erkennen 
vermögen und darum „schwache Begabung", „Trägheit", „Faul- 
heit" und „Ungezogenheit" nennen, was in Wirklichkeit ein 
vom freien Willen unabhängiger krankhafter, aber durchaus 
nicht immer intellektuell schwach befähigter Zustand des 
Nervensystems und des Geistes ist. An Stelle des Mitleids 
und der Teilnahme mit solchen problematischen Naturen tritt 
dann naturgemäfs nicht selten eine harte, ungerechte Behand- 
lung, welche die Entwicklungshemmung nur noch steigert und 
obendrein das Kind scheu, hinterlistig, verschlagen und ver- 
logen macht, also neben der intellektuellen Minderwertigkeit 
auch eine solche des Gemüts und Charakters schafft. 

Zur Prophylaxe der Neurosen und Psychosen im Kindes - 
und Jugendalter gehört aus diesen Gründen vor allem auch 
eine bessere Pflege der Pädagogik an den Uni- 
versitäten und an den höheren Schulen, wo man 
vielfach noch dem albernen Aberglauben begegnet, dafs didak- 
tisches und erzieherisches Geschick nicht erlernt werden kann. 

3* 



— 36 — 

sondern angeboren sein mufs. Der verstorbene geniale Direk- 
tor der Franckeschen Stiftungen in Halle, Dr. 0. Fr ick, 
suchte viel zu bessern, indem er durch Wort und That lehrte: 
„Die Volksschule ist die hohe Schule für die höhere Schule" 
und die Volksschulpädagogik auf die höheren Schulen an- 
zuwenden suchte.*) 

Hätte hier nur erst mehr Verständnis und Interesse für die 
Erziehung normaler Kinder Platz gegriffen, so würde ein solches 
für abnorme schon folgen. Von welcher Bedeutung das wer- 
den könnte, erkannten wir vorhin schon mit Krafft-Ebing. In 
demselben eindringlichen Sinne mahnt auch Koch im Vorwort 
(S. VIII) seiner „Minderwertigkeiten": „Erzieher und Lehrer 
könnten Hand in Hand mit verständigen Geistlichen in manche 
Familie Segen hineintragen, so manches Leiden lindern, na- 
mentlich aber so manches Übel verhüten, wenn sie mit den 
psychopathischen Minderwertigkeiten entsprechend vertraut 
wären. Sie würden manches Kindes scheinbare Unart und 
Faulheit oder auch blofse Mühseligkeit und Sonderbarkeit oder 
auch glänzende Begabung und vielversprechende „Genialität" 
anders als nach der hergebrachten Schablone beurteilen und 
anfassen, würden z. B. dem Phantasieleben eines Zöglings, so 
schimmernde Blüten es hervorbringen möchte, Zügel anlegen 
und dagegen den Willen des jungen Menschen kräftigen, 
würden eines anderen Eifer zurückhalten und abdämpfen und 
eitle Eltern belehren, damit nicht kurzen Freuden ein jähes 
Ende bereitet werde." Und (S. 50): „Manche belastete Kinder 
wären nicht so schlimm, wie sie sind, wenn man sie besser 
verstanden, wenn man sie nicht ganz falsch behandelt, wenn 
man sie nicht vollends böse gemacht hätte. Es giebt na- 
mentlich Kinder (und junge Leute), die im Grunde ihres Her- 
zens gut und in ihrem Gemüt weich sind, aber störrisch und 
böse werden, wenn man ihren Eigenheiten und scheinbaren 
Unarten schroff und hart entgegentritt. Sie verschliefsen dann 
trotzig in sich, was sie entlasten oder entschuldigen könnte, 



*) Die Einheit der Schule. Frankfurt a. M. 1884. 
Das Seminar um praeceptorum an den Franckeschen Stiftungen zu 

Halle. Ein Beitrag zur Lösung der Lehrerbildungsfrage. Halle a. S. 1883. 
Ii ehrproben und Lehrgänge aus der Praxis der Gymnasien und 
' Realschulen. IX Jahrgänge. Halle a. S. 1884—1893. 



— 37 — 

und werden nun von den oft selbst psychopathisch beeinflufsten 
Eltern weiterhin nur um so unrichtiger angefafst und be- 
handelt oder auch wehthuend ganz auf die Seite gesetzt und 

aufgegeben." 

Die Pädagogik, von Comenius an bis in die neuste Zeit, 
hat aber leider selten ein tieferes Verständnis für die Fehler 
der Kinder, soweit sie pathologischer Natur sind, bekundet; am 
wenigsten die liberaüstische, welche aus Abneigung gegen das 
kirchliche Dogma der Erbsünde, von Darwin „Vererbung" ge- 
nannt, bis zum heutigen Tage den Kousseauschen Satz zum 
Gegendogma erhoben hat: „Alles ist gut, wie es aus den 
Händen des Schöpfers hervorgeht; alles entartet unter den 
Händen der Menschen;" mit andern Worten: angeborene, ver- 
erbte, in der Natur des Menschen liegende Fehler giebt es 
eigentlich nicht; alle Fehler sind durch Umgang und Erziehung 
erworben, wie der Philanthrop Salz mann es so trefflich in 
seinem im übrigen noch immer sehr lesenswerten „Krebs- 
bü chl ein" zu illustrieren sucht. Andere wiederum schieben 
alles auf die „schwache" Veranlagung. Dabei wälzt dann im 
einzelnen Falle die Schule die Schuld auf das Elternhaus und 
das Elternhaus auf die Schule, bis dann bei dieser Uneinig- 
keit der Erziehung das psychopathisch veranlagte Kind voll- 
ends entartet. 

Erst die neuere, von Herbart ausgehende Reform- 
bewegung hat auch hierin eine andere Betrachtungsweise ein- 
geleitet. So Ziller in seiner „Grundlegung zur Lehre 
vom erziehenden Unterricht" (1863), und vor allem 
der hochbetagte Professor Ludwig Strümpell in Leipzig 
in seiner zuerst 1889 erschienenen bahnbrechenden Schrift: 
„Pädagogische Pathologie oder die Lehre von den 
Fehlern der Kinder."*) Seitdem sind zwar noch mehrere 



*) Unter Berücksichtigung der Pädag. Pathologie von Strümpell ist 
jüngst in gründlichster Weise die pädagogische Litteratur unseres Jahr- 
hunderts durchsucht worden, um festzustellen, welche pädagogischen Kinder- 
fehler von den betreffenden Schriftstellern genannt und beachtet sind, was 
über die Natur und Eigenartigkeit und was über die Veranlassungen und 
Ursachen derselben gesagt wird. Das Resultat liegt vor in der Schrift 
von Közle: Die pädagogische Pathologie in der Erziehungskunde des 19. 
Jahrhunderts. Gütersloh 1893. 



— 38 — 

kleinere Beiträge, zumeist durch Strümpell und Koch angeregt, 
erschienen.*) Allein weder unser öffentliches Erziehungswesen 
noch die Familie als Haupterziehungsanstalt sind bis heute 
irgendwie merklich davon beeinflufst worden. 

Reformbewegungen gewinnen überhaupt so schwer Ein- 
flufs auf das öffentliche Erziehungswesen, weil dasselbe büreau- 
kratisch regiert wird, während im gesamten übrigen socialen 
Leben das Princip der Selbstverwaltung sich geltend machen 
kann: durch das Parlament in der Politik, durch die Synoden 
in der Kirche, durch Gemeinderäte in der Kommune u. s. w. 
Nur das Schulregiment kennt eine derartige Mitwirkung ihrer 
Interessenten, zu oberst der Familie, nicht.**) 

Jene Urteile von Seelen- und Nervenärzten liefsen sich 
leicht vermehren. Mir genügen aber diese Aussprüche, um dar- 
zuthun, dafs meine Meinung über die Verkehrtheiten und Sün- 
den in der Pflege und Erziehung fehlerhaft veranlagter Kinder 
von denen durchaus geteilt wird, die sich mit dem Endresultat 
derselben berufsmäfsig zu beschäftigen haben. Trotzdem 
möchte ich aber auf das Nachdrücklichste betonen, dafs das, 
was in dieser Schrift über den öffentlichen Unterricht und die 
Organisation des Bildungswesens gesagt ist, nur im Hinblick 
auf unsere problematischen Kindesnaturen bemerkt sein soll. 
Inwieweit das Gesagte auch für die Erziehung der normalen 
Kinder gilt, lassen wir hier ununtersucht, zumal ich mich an 
andern Orten hinreichend darüber ausgesprochen habe.***) 

Hier handelt es sich nur darum, inwiefern die Schul- 
verhältnisse die angeborenen oder anderweit erworbenen ner- 
vösen und seelischen Anomalien entwickelt, wo sie gehemmt 
werden sollten und könnten, und inwiefern sie neue Schädi- 
gungen hervorrufen, wo es durch zweckmäfsigere Lehr- und 
Erziehungspläne wie Methoden vermieden werden könnte. Die 
Schule trägt nicht die Schuld, sondern nur eine Mitschuld; 



*) Aufser den genannten Schriften »sei noch besonders verwiesen auf: 
Ufer, Geistesstörungen in der Schule. Ein Vortrag nebst 13 Kranken- 
bildern. 2. Aufl. Wiesbaden 1893. 

**) Näheres in meiner Schrift: Die Familienrechte an der öffentlichen 
Erziehung. 2. Auflage. Langensalza 1892. 

***) Die Aufgabe der öffentlichen Erziehung angesichts der socialen 
Schäden der Gegenwart. Gütersloh 1890. 



— 39 — 

weit gröfser ist die Schuld des übrigen socialen Lebens, ins- 
besondere auch die der Eltern, welche an den Kindern heim- 
gesucht wird. Betrübend aber ist es für den Vaterlands- und 
Menschenfreund, wenn er wahrnimmt, wie das Heer nervöser 
Übel und damit zugleich die geistigen und sittlichen Schwächen 
und Gebrechen in unserem Volke zunehmen und diese Minder- 
wertigkeiten so viele von der Wiege bis zur Bahre begleiten. 



f 

IV. Zur Verhütung psychopathischer Minder- 
wertigkeiten. 

Um so mehr drängt sich uns die Frage auf, was denn 
geschehen kann, um dem Übel Einhalt zu thun, das nach An- 
sicht der Ärzte in der modernen Zeit sich mehr denn je ver- 
breitet, nach Pelman*) am meisten in Nordamerika und 
Frankreich, dann in Rufsland, England und Deutschland. 
„Und diese Nervosität nimmt noch täglich zu, sie wächst 
heran zu einer Plage so grofs und unleidlich, wie es je eine 
der sieben ägyptischen gewesen ist.'' 

Tritt das Psychopathische doch sogar als sociale Er- 
scheinung uns entgegen in dem gefahrdrohenden affektiv über- 
reizten, intellektuell und ethisch aber um so mehr geschwäch- 
ten und von der Bahn des ruhigen, sachgemäfsen Denkens ver- 
rückten politischen, kirchlichen und wirtschaftlichen Partei- 
treiben. Es fragt sich, was geschehen kann, um die angeborenen 
psychopathischen Minderwertigkeiten nicht zur Entfaltung 
kommen zu lassen, um die das Kindesleben bedrohenden prä- 
disponierenden Ursachen und Gelegenheitsursachen für den 
Ausbruch psychopathischer Belastung und Degeneration zu 
verhüten und, soweit ihre Einwirkung nicht verhütet werden 
kann, die Widerstandskraft der Individuen und ganzer Ge- 
schlechter gegen dieselben zu erhöhen. „Fährt man aber fort, 
von dem bei uns noch vorhandenen Gesundheitskapitale zu 
zehren, ohne an eine Neubeschaffung zu denken, dann mufs 
sich das Kapital endlich erschöpfen, und jede Generation wird 

*) Nervosität und Erziehung. 6. Aufl. S. 2. 



— 40 — 

weniger mit auf den Weg bekommen, bis auch hier, wie im 
finanziellen Leben, der Bankbruch der Scene ein Ende macht." *) 

Die Frage der Prophylaxe ist, wie auch v. Krafft-Ebing 
und Koch einmütig betonen, darum keineswegs eine rein in- 
dividuelle, sondern zugleich eine sociale von grofser Trag- 
weite. Es ist, um mit Koch zu reden, zweifellos, dafs in 
diesen Dingen nicht nur der Einzelne, sondern auch das ganze 
lebende Geschlecht Pflichten zu erfüllen hat. Was der Ein- 
zelne mit seinen Leibes- und Geisteskräften anfängt, das 
scheint vielleicht rein seine Sache zu sein. Doch scheint es 
nur so, denn in Wahrheit ist es zugleich die Sache der mensch- 
lichen Gesellschaft, in der er wurzelt und steht, und die Sache 
der kommenden Geschlechter. „Deshalb ist die Prophylaxe 
der psychopathischen Minderwertigkeiten nach manchen Eich- 
tungen hin in besonderem Mafse eine öffentliche Angelegen- 
heit. Man hält sich nicht für berechtigt, einen Staat oder 
eine Gemeinde für die Zukunft mit allzu schweren pekuniären 
Lasten zu beladen; nur darüber besinnt man sich nicht, ob 
man denn auf die Nervengesundheit der Nachkommen so 
hineinhausen dürfe, wie man es, nicht mit Absicht, aber aus 
Unkenntnis und Gedankenlosigkeit zum Teil selbst von Obrig- 
keits wegen thut. Es ist mir aber nicht zweifelhaft, dafs 
Kulturstaaten oft geradezu vor ihrem Untergange bewahrt 
bleiben könnten, wenn eine durchgreifende Prophylaxe der 
psychopathischen Minderwertigkeiten eingerichtet würde und 
eingerichtet werden könnte. Und dies ist mir um so gewisser, 
als eine zureichende Prophylaxe in dieser Hinsicht nicht durch- 
gesetzt werden kann, ohne dafs sittliche Kräfte dabei wirk- 
sam sind."**) 

Wenn die drohenden Gefahren verhütet werden sollen, so 
mufs darum das ganze gegenwärtige Geschlecht sich die Prophy- 
laxe aller Nervenleiden als eine recht ernstliche Aufgabe stellen. 

Was da zu thun wäre, folgt in der Hauptsache aus dem 
im vorigen Abschnitt Gesagten, und wir können uns hier 
darum mit einigen weiteren Andeutungen begnügen.***) 



*) Pelmau, a. a. 0., S. 14. 
**) Koch, a. a. 0., S. 298. 

***) Ganz besonders sei aber noch das bereits erwähnte Schriftchen 
von Professor Seeligmüller der Beachtung der Leser empfohlen. 



— 41 — 

Damit die Kinder nicht mit neuro- und psychopathischen 
Dispositionen auf die Welt kommen, müfste nach Möglichkeit 
verhütet werden, dafs nervöse und schwächliche Personen, 
zumal wenn sie blutsverwandt sind, wenn auch, so doch nicht 
einander heiraten. 

„Da man in der Wahl seiner Eltern nicht vorsichtig 
genug sein kann, so sollte sie streng genommen schon hier 
beginnen ; leider zeigt die Erfahrung, dafs oft genug alle ärzt- 
lichen Katschläge unbeachtet bleiben und allen Warnungen 
zum Trotz Ehen eingegangen werden, die fast mit mathe- 
matischer Sicherheit die übelsten Folgen nach sich ziehen, 
falls sie nicht einfach kinderlos bleiben, was glücklicherweise 
recht oft der Fall ist. a *) 

Es müfste noch mehr Sorge getragen werden, dafs nach 
des Tages Last und Hitze im einseitig- geistigen Berufsleben 
nicht zu oft „Erholung" gesucht werde in Klubs, Bier- 
lokalen, Theatern, Konzerten oder gar in den überhandnehmen- 
den Nachtcafes.**) Der Aufenthalt in überhitzter Luft mit 
Tabakrauch geschwängert, ein Übermafs im Alkoholgenufs und 
namentlich die regelmäfsigen Schlaf entziehungen greifen die 
Nerven in „anregender" Weise weit mehr an als die schwerste 
Berufsarbeit und macht die Eltern unfähig, nervenstarke 
Kinder zu zeugen, zumal, wenn noch andere nächtliche „Sün- 
den der Väter heimgesucht werden an den Kindern". 

Die berüchtigte Polizeistunde war insofofern eine Ein- 
richtung von ungemein wichtiger volksgesundheitlicher Be- 
deutung. 

Auch das Fasten, das Graf Tolstoi in seiner neusten 
Schrift als „Erste Sprosse" der Leiter zur körperlichen, 
wie geistigen, religiös-sittlichen und socialen Gesundung feiert, 
war nach Luthers Bekenntnis „eine feine äufserliche Zucht", 
während die moderne, überfeinerte und scharf gewürzte Tafel 
ohne den Fastentag als Ruhetag des Magens ebenfalls die 
Nerven überreizen und erschlaffen hilft. 

Nicht minder gilt es, die geistige Genufs sucht ein- 
zuschränken; insbesondere bei den künftigen Müttern die Lese- 



*) Roemer, a. a. 0., S. 44. 

**) Vgl. G. Bunge, Die Alkoholfrage. Leipzig, Vogel 1890. 



— 42 — 

wut, wobei sich nicht selten die Phantasie an Eomanen krank- 
haften Inhalts erhitzt und das ruhige Denken beeinträchtigt. 

Wenn die öffentliche Tagespresse an der Prophylaxe 
sich beteiligen will, so sollte sie vor allem für geistig und 
sittlich gesundere Kost sorgen und manches Blatt seine Kri- 
tisiersucht einmal gegen die nervenerregenden Tagesströmungen 
in der Litteratur, der Kunst, der Philosophie, der Politik und 
des geselligen Lebens richten, namentlich gegen die von Pel- 
man *) so treffend gezeichnete Nervosität in der Romanlitteratur 
und auf der Bühne. 

„Je mehr — so meint er — die Nerven in der Litteratur 
und Kunst durcheinander geschüttelt werden, je grausiger der 
Gegenstand, je brausender die Musik, um so wonniger fühlen 
wir uns angeregt. Einen Eoman von Walter Scott in die 
Hand zu nehmen, wäre ebenso langweilig wie lächerlich. Das 
ist alles so hausbacken, so gesund, und wenn das Ende vom 
Liede ist, dafs sie sich doch „kriegen", weshalb alsdann die 
vielen Seiten und Umstände! Wie anders fassen die neueren 
Romanschriftsteller das Leben auf! Da kann man ersehen, 
wie es wirklich ist, und ein Pistolenschufs ist doch eine ganz 
andere Lösung wie eine gewöhnliche Heirat. Seit Flaubert 
in seinem berühmt gewordenen „Mme. Bovary" die Hysterie 
in die Litteratur einführte und salonfähig machte, sind geistig 
und körperlich Gesunde mehr und mehr von der Bildfläche 
des modernen Romans verschwunden, und an ihrer Statt 
führen Geisteskranke und Lumpen einen immer tolleren Reigen 
auf. Ein bekannter französischer Roman**) spielt sich in der 
Nervenklinik Charcots ab, von einer Reihe anderer französischer 
Romane, die ihren Schauplatz noch an ganz andere Orte ver- 
legen, gar nicht zu reden." 

„Dafs in diesem edlen Wettstreite die Bühne nicht zurück- 
bleiben durfte, versteht sich von selbst. Von den verschämten 
Anfängen einer Cameliendame sind wir schon zu den wun- 
dersamen Produkten eines Ibsen vorgeschritten, und die lieb- 
lichen Melodien Haydns müssen der sinnberauschenden Zu- 
kunftsmusik weichen. Gewifs ist, dafs wir nach solcher Kost 



*) A. a. ()., S. 12. 

**) Jules Claretie, Mcmoires d'un interne. 



— 43 — 

verlangen und uns nur das geboten wird, was wir verdienen. 
Aber ebenso unbestritten ist die Wahrheit, dafs die Kost an 
sich ungesund ist, und es sich hier um krankhafte Produkte 
eines krankhaft überreizten Geistes handelt, und wenn dieser 
krankhaft überreizte Geist nebenbei zufällig ein Genie ist, so 
wird dadurch an der Sache selbst nichts geändert." 

Allein wir fürchten, dafs unsere Mahnung hier nur wenige 
geneigte Ohren linden wird. Für Erziehungsfragen haben seit 
je nur wenige Tagesblätter besonderes Interesse wie Ver- 
ständnis und Raum bekundet, während eine gewisse Richtung 
täglich spaltenlange Berichte selbst über die jämmerlichsten 
Bühnenmachwerke und deren Aufführungen bringt und viel- 
leicht alles daran tadelt, nur nicht, dafs sie zur nervösen, 
geistigen und sittlichen Entartung unseres Volkes beitragen 
helfen. Je toller und aufregender, desto besser! 

Das ohnehin schon mit einer schwächeren Konstitution 
des Nervensystems ausgerüstete weibliche Geschlecht kann 
nicht genug gehütet werden vor dem vielen Lesen, Hören und 
Sehen psychopathisch minderwertiger „ Helden thaten". „Sage 
mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du 
bist," sagt schon der Weise des alten Judentums. In unserm 
Zeitalter der Nervosität, wo jeder derartige Reiz eine reflex- 
artige Nachahmung bewufst wie unbewufst hervorruft, gilt 
das doppelt. Wie die verrücktesten Moden, so werden, na- 
mentlich vom schwachen Geschlechte und von den nervösen 
Grofsstädtern , auch die verrücktesten Gedankengänge und 
Handlungen bald blofs in der Phantasie, bald auch in Wirk- 
lichkeit nachgeahmt. Ehen, die sich nicht romanhaft einleiten 
und gestalten, die nicht verrückt, sondern vernünftig ge- 
schlossen und gehalten werden, haben keinen „Reiz", und lassen 
infolge überreizter Ansprüche für viele kein gemütwarmes 
Familienleben mehr aufkommen, gewähren also auch nicht den 
Kindern den wärmenden und belebenden Sonnenschein. Aufser- 
dem werden aus naheliegenden Gründen sowohl gute als 
minderwertige Eigenschaften von der Mutter in höherem 
Grade als vom Vater auf die Kinder vererbt wie durch 
Umgang und erziehliche Beeinflussung übertragen. 

Man würde darum wohl thun, jungen Mädchen als zu- 
künftigen Müttern statt nur Buch und Nadel von früh an weit 



— 44 — 

mehr muskel- und nervenkräftigende gröbere Werkzeuge täg- 
lich zum fleifsigen Gebrauch in die Hände zu geben. Sind 
wir doch selbst auf dem Lande schon so weit gekommen, 
dafs Mütter fürchten, die „Händchen" von 14jährigen, ner- 
vösen Knaben könnten Schaden leiden, wenn dieselben täglich 
eine Stunde ein Gartengerät handhaben. 

Im Hinblick auf die zukünftigen Mütter, welche doch 
nicht blofs weibliche Zierpuppen heraufputzen, sondern auch 
rüstige Knaben erziehen sollen und leider oft allein bis zur 
Mündigkeit erziehen müssen, wäre eine derbere Erziehung, 
als viele unserer höheren Töchterschulen sie zu bieten pflegen, 
sehr wohl am Platze. Für Nonnenklöster mag die Trennung 
der Geschlechter in der Jugend, wie die Pflege der Sentimen- 
talität, Nervosität und Hysterie bei Kindern erwünscht sein 
— die heilige Jungfrau und ähnliche Hallucinationen werden 
dann um so häufiger erscheinen — , für die Mädchen, welche 
sich später dem gottgewollten und naturgemäfsen Beruf als 
Mutter widmen sollen, ist die vereinigte Erziehung dringend 
geboten. Ich wenigstens möchte auf die erziehlichen Vorteile 
derselben in meiner Anstalt nicht verzichten, ebensowenig wie 
etwa ein Vater und eine Mutter, die statt vier Knaben und 
drei Töchter sieben Knaben oder sieben Mädchen erziehen 
sollten. Die aus dem mit Klöstern und Kasernen übersäten 
Frankreich zu uns gekommene „moderne" und landläufig ge- 
wordene Ansicht hält zwar die Trennung der Geschlechter in 
den Schulen für selbstverständlich. Dem gegenüber sprach 
von den tausend Anwesenden auf dem V. evangelischen Schul- 
kongrefs zu Barmen im Jahre 1888 sich nur ein einziger für 
die Trennung aus und fast einstimmig erklärte die nicht blofs 
aus Schulmännern aller Kategorien, sondern auch aus Familien- 
vätern verschiedener Berufsstände, aus Geistlichen, Regierungs- 
vertretern u. s. w. zusammengesetzte Versammlung, dafs „Er- 
ziehung und Unterricht, Lehrer, Schüler und 
Eltern sich allesamt bei der Vereinigung der Ge- 
schlechter am besten stehen." „Die Schule richte sich 
möglichst familienhaft ein, in allen Stücken, — also 
weder kasernenmäfsig, noch klostermäfsig — dann geht sie 
auf rechter Bahn." Und das gelte nicht blofs für die Volks- 
schule; „auch für die höhere Mädchenschule, Realschule und 



— 45 — 

das Gymnasium dürften die sachlichen Gründe mehr der Ver- 
einigung als der Trennung das Wort reden." Ohne Frage 
würden viele pathologisch gesteigerte Auswüchse der modernen 
Jugend nicht aufkommen und namentlich auch die sexuell 
reizbare Schwäche beider Geschlechter, mit allen ihren „ge- 
heimen Jugendsünden" als Folge, durch den täglichen Verkehr 
untereinander erheblich herabgemindert werden. Vor allem 
aber würden unsere zukünftigen Mütter den Interessen des 
Knaben wie des männlichen Geschlechts überhaupt nicht der- 
art entfremdet werden, dafs sie später schlechterdings nicht 
imstande sind, Knaben zu erziehen, und dafs sie so deren 
Entartung mit verschulden. Auch dürfte die Achtung des 
weiblichen Geschlechts gegen sich selber und die des männ- 
lichen gegen das weibliche, von frühster Jugend an gepflegt, 
u. a. die abscheuliche Prostitution herabmindern, welche direkt 
wie indirekt und im Bunde mit dem gesteigerten Alkohol- 
genufs*) die Ursache von mindestens 50% aller psychopathisch 
Minderwertigen und Geisteskranken unserer Grofsstädte ist. 

Dieses und ähnliches mehr will beachtet sein, wenn die 
Eltern die Kinder nicht ab ovo neuro- und psychopathisch be- 
lasten wollen. — 

Die Kinder soll man vor allen Dingen geistig nicht vor 
der Zeit „wecken" und hetzen wollen. Es gilt dies vor allem 
für Kinder, die angeboren psychopathisch minderwertig sind. 
Es gilt das aber auch für andere, die sich keine Nervosität 
erwerben sollen. Zum Glück fordern allerdings die gesunden 
Kinder ein solches Hetzen weniger heraus als die patho- 
logischerweise frühreifen, auch haben die gesunden Kinder 
eher vernünftige Eltern. 

Im späteren Alter soll man nicht aus Eitelkeit und an- 
deren verwerflichen Gründen die Kinder für einen Be- 
ruf bestimmen wollen, der für ihre Begabung zu 
hoch und für ihre körperliche Kraft zu schwer ist 
und sie demnach nicht Schulen besuchen lassen, 
die nicht für sie passen. Thut man es doch, so darf 
man dann der Schule keinen Vorwurf machen, wenn sie solche 
Kinder zu sehr anstrengt. 

*) Forel, Alkohol und Geistesstörungen. Basel 1892. 
Frick, Der Einflufs des Alkohols auf d. Organismus d. Kinder. Basel 1892. 



— 46 — 

Über die häuslichen Aufgaben ist auch von Ärzten 
viel gesagt und geklagt worden. Es giebt ein sehr einfaches 
Mittel, dieselben zu beseitigen oder doch- weise einzuschränken, 
wenn nämlich die Eltern sich aufraffen könnten zu erklären: 
„Wir helfen unserm Kinde unter keinen Umständen dabei; 
geben ihm aber jedesmal eine schriftliche Erklärung mit in 
die Schule, dafs das Kind die Aufgabe nicht selbständig lösen 
konnte und darum nicht gelöst hat." Die Überfütterung mit 
unverdaulichem Stoffe würde dann bald aufhören und das Kind 
geistig gesunder bleiben. 

Auch Koch hält mit Rücksicht auf unser gegenwärtiges 
Geschlecht die Forderung für unerläfslich : „Keine Haus- 
aufgaben mehr oder höchstens nur eine Stunde Hausarbeit! 
Auch für die schwach Begabten höchstens nur einstündige 
Dauer der Hausarbeit." In unserer Zeit sei eine prädis- 
ponierende somatische und psychische Schwächlichkeit und 
Nervosität in ganz anderem Mafse verbreitet als früher. Auch 
werde bei dem Fachlehrersystem heutzutage viel intensiver 
gearbeitet. Aus beiden Gründen müsse jetzt die Lernzeit 
herabgesetzt werden, wenn noch eine Regeneration eintreten 
soll und wir nicht Zuständen zutreiben wollen, wo die Reue 
zu spät kommt. 

Ebenso sollten bei einem nervös disponierten Kinde unter 
keinen Umständen Nachhülfe stunden gegeben werden, 
um die Schularbeit im Hause zu unterstützen. Kann ein 
schwaches Kind wirklich noch Überstunden vertragen, ohne 
dadurch noch mehr geschwächt zu werden, so pflege man in 
denselben die Interessen, welche in der Schule nicht genügend 
Nahrung fanden. Kann es z. B. im ersten Schuljahr im Lesen 
und Schreiben nicht mitkommen, so lasse man es daheim 
fleifsig zeichnen, bauen, modellieren u. s. w. Der Formensinn 
ist eben zurückgeblieben und den tötet der Buchstabe vollends. 
Kann es im Rechnen nicht mit, so verpöne man daheim die 
Ziffer, man führe es in Wald und Feld spazieren, lasse es die 
Zahlen erfassen, welche Bäume, Blumen, Tiere, Eisenbahnen 
u. s. w. darbieten. Wird ein Kind dann nicht versetzt, so 
ist das vielleicht ein Glück; seine geistige Gesundheit bleibt 
dann geringeren Schädlichkeiten ausgesetzt. 

Was für Dinge in dem Abhetzen mit leerem Wortkram 



— 47 — 

vorkommen, spottet oft jeder Beschreibung. Ich habe Schwach- 
sinnige kennen gelernt, die mufsten lesen, schwatzen und 
schreiben über Dinge, die sie nie kennen gelernt hatten. Bei 
geistig Gesunden ist das zwar auch keine seltene Erscheinung, 
allein sie sorgen schliefslich selber dafür, dafs sie mit dem 
Gedankeninhalt vertraut werden. Ein sehr erregbarer schwach- 
sinniger Knabe von neun Jahren konnte eins und zwei nicht 
unterscheiden, also nicht mit Sicherheit zwei Hölzchen von 
einem Haufen nehmen. Die Mutter versicherte mir aber, er 
sei auf Befehl des Anstaltsdirektors nachts im Schlafe geweckt 
worden, um die Zahlenreihe bis fünfzig aufzusagen, d. h. die 
Zahlen n amen zu memorieren. Derselbe konnte u. a. ganze 
Fabeln von Hey mit richtiger Betonung auswendig sprechen, 
ohne irgend einen Satz davon zu verstehen, ohne z. B. auf 
dem Bilde Knabe, Vogel, Gebüsch und Nest zeigen zu können. 
Sollte er etwas zeichnen oder „malen", etwa ein Fenster, so 
fing er an zu lautieren: „F, e, n" u. s. w. So bildet man 
statt Menschen Papageien und dann wird obendrein noch mit 
den Leistungen renommiert. Würden solche Kinder doch nie 
einen geisttötenden Buchstaben zu Gesicht bekommen und 
dafür die Buchstaben der Natur und des Menschenlebens ent- 
ziffern lernen! „Der Papageienunterricht ist nicht zum Muster 
zu nehmen," mahnte Comenius schon vor mehr als 350 Jahren. 
Allein die menschlichen Papageien findet man auch noch 
auf höheren Schulen, als Anstalten für Schwachsinnige es sind. 
Wo die Begriffe fehlen, da paukt man auch hier ein Wort 
zur rechten Zeit dafür ein. Und wenn es gelingt, so nennt 
man das dann „vorwärts kommen". — 

Doch damit, dafs man die Kinder nicht überanstrengen 
läfst, ist die Sache keineswegs abgethan. Es müssen wie die 
Eltern so auch die Kinder davor geschützt werden, dafs sie 
sich in ihrer freien Zeit nicht noch mehr schädigen, als sie 
das Lernen in der Zeit geschädigt hätte. Aber gerade in 
dieser Hinsicht finden die gröfsten und unverantwortlichsten 
Versäumnisse statt. Wenn daher die von Schulaufgaben ent- 
lasteten Schüler nicht auf Abwege kommen sollen, die ihre 
geistige Gesundheit schädigen, so mufs in der freien Zeit für 
eine Beschäftigung oder für körperliche Bewegung 
unter zuverlässiger Aufsicht gesorgt werden, die Leib 



— 48 — 

und Seele vor Schaden bewahrt. Gar zu oft aber entziehen 
die Eltern sich diesen Pflichten, ja sie ebnen den Kindern 
geradezu die Wege zu ihrem Schaden und ziehen eine den 
Leib schwächende und Geist und Gemüt vergiftende Genuß- 
sucht grofs. „Da werden," wie Koch (S. 303) so zutreffend 
schildert, „Taschengelder gegeben, die jedes vernünftige Mafs 
übersteigen, werden mit den Kindern tief in die Nacht hinein 
Bälle abgehalten, Abend für Abend Gesellschaft und Theater 
besucht, wird jede Lektüre gestattet, Kneipen und übermäfsiges 
Rauchen gutgeheifsen u. s. w. Schon junge Kinder lehrt man 
ja in unserer Zeit das unnatürliche Treiben der Alten nach- 
äffen, und man sieht nicht, wie ihr Schlaf und ihre Verdauung 
beeinträchtigt werden, wie sie blafs und nervös sind und 
psychisch notleiden, oder man sieht etwas, und ist nun stolz 
auf den blasierten und koketten Affen." 

Wichtig ist auch, dafs die Kinder gehörig ausschlafen. 
Deswegen braucht, wie Koch verlangt, die Schule nicht not- 
wendig eine Stunde später zu beginnen. Weit zweckmäfsiger 
ist es, die Kinder abends früher ins Bett zu schicken, die 
jüngeren auf alle Fälle vor der Abendmahlzeit der Erwach- 
senen. Sie entgehen so am sichersten den Versuchungen, durch 
den Genufs von Thee, Bier, gewürzte Fleischspeisen etc. ihre 
Nachtruhe und ihr Nervensystem zu schädigen. „Ein voller 
Bauch studiert nicht gern," sagt Luther; er schläft aber noch 
schlechter und schafft unruhige Träume. Darum vor allen 
Dingen Mäfsigkeit in den Abendmahlzeiten der 
Kinder! 

Auch hierin wird oft schwer gesündigt. Weniger mit ge- 
sunden Kindern, weil deren Eltern gesunder zu denken pflegen 
über diese Fragen und sodann, weil sie mehr vertragen können 
als die psychopathisch disponierten. Aber mir sind Fälle be- 
kannt, wo Knaben, bei denen schon eine Geisteskrankheit vor 
der Thür lauerte, morgens um 6 Uhr anfangen mufsten zu 
arbeiten und oft erst abends um halb 10 Uhr das Buch 
schliefsen durften; obendrein spielte dann noch der Rohrstock 
seine Rolle dabei, so dafs zu der intellektuellen Überbürdung 
sich noch die des Gemüts gesellte, welche weit gefährlicher ist. 

Was das gesellschaftliche und gesellige Leben den Kin- 
dern der mit Glücksgütern gesegneten Eltern vielfach zu viel 



— 49 — 

bietet, das müssen die Kinder aus der Volksmasse leider 
entbehren, und durch diese Entbehrungen werden sie an 
Leib und Seele geschädigt. Was hier oft am Notwendigsten 
fehlt, das habe ich bereits früher an einem andern Orte aus- 
gesprochen,*) und in ähnlichem Sinne äufsern sich u. a. auch 
die von Prof. Baumgarten herausgegebenen „ Evangelisch - 
socialen Zeit fragen" (Leipzig, Grunow). In dem einen 
dieser Hefte trifft Lic. Drews das Centrum der ganzen Frage 
mit seiner Überschrift : „Mehr Herz f ü r ' s Volk!" 

Die „Kreuzzeitung", der meine Darlegungen unbequem 
waren, hat allerdings gemeint, dafs meine Forderungen mit 
der Schule nichts zu thun hätten ; allein Schule und Erziehung 
haben für mich nicht die Aufgabe, Menschen für gewisse 
Zwecke abzurichten, wenngleich auch dann schon die alte 
jüdische Moral fordert: „Du sollst dem Ochsen, der da drischet, 
nicht das Maul verbinden;" sondern sie haben die Aufgabe, 
in den Schülern und Zöglingen die Forderungeu der Humani- 
tät zu verwirklichen, das „Ebenbild Gottes" auch in den 
ärmsten harmonisch und nach Möglichkeit zu entfalten. Nun 
ist für uns aber nicht blofs das einseitige religiös- und vater- 
ländisch-dogmatische Vorstellungsleben, sondern der ganze 
Mensch ein Gebilde Gottes. Auch dem „Leibe als Tempel 
des heiligen Geistes", um in der Bibelsprache zu reden, mufs 
darum werden, was zu seiner „Nahrung und Notdurft" gehört. 
Ja ohne dieses wird das gesamte Geistesleben, also auch das 
religiös-ethische, der grofsen Gefahr ausgesetzt, zu entarten. 

Wenn man nun bedenkt, wie traurig es vielfach mit den 
Wohnungsverhältnissen der ärmeren Bevölkerung, namentlich 
der Grofsstädte, bestellt ist, wie ein einziger Raum Eltern, 
Kindern, Schlafburschen und oft auch noch Schlafmädchen als 
Küche, Wohn- und Schlafzimmer zugleich dienen mufs; wie 
Kinder von klein auf aufser den Schulstunden Tag und Nacht 
in verdorbener Luft, in äufserem und innerem Schmutz, bei 
dürftigster Ernährung u. s. w. leben müssen, darf es uns da 
wundern, wenn diese Bevölkerung so viele an Leib und Seele 
Minderwertige, Geschwächte und Entartete aufweist? Hinzu 
kommt noch, dafs die sittliche Atmosphäre, die so ein armes 



*) Die Schule und die wirtschaftlich-sociale Frage. Gütersloh 1890. 

4 



— 50 — 

Kind tagaus tagein atmen mufs, ebenfalls die denkbar ver- 
dorbenste ist. Was ereignet sich doch alles in solchen Woh- 
nungen! Die geistige Nahrung aber, welche es hier bekommt, 
ist mit der socialdemokratischen Unzufriedenheit und Über- 
reiztheit versalzen, und dennoch ist die Lektüre der social- 
demokratischen Schriften bei weitem nicht das Schlimmste, 
was die kindliche Phantasie einsaugt. 

Was nützen solchen Notständen, die auf dem Lande nicht 
weniger, wenn auch in anderer und viel leichter abstellbarer 
Weise, vorhanden sind, unsere Schulpaläste, wo die tausend 
Schüler, welche sie fassen, zwar unterrichtet und abgerichtet, 
aber von einem liebewarmen Herzen in ihrem Personleben 
nicht weiter erziehlich beeinflufst werden können, zumal sie 
jährlich ihren Lehrer zu wechseln pflegen und für den Leiter 
die einzelnen Schüler und oft auch die hundert und mehr 
Lehrer doch nur als Listennummern existieren können? Und 
was nützen gegenüber dem Massenelend alle unsere kleinen 
wie grofsen, eitlen und selbstgefälligen wie aufopfernden und 
selbstlosen Wohlthätigkeitsbestrebungen, so lange diejenigen, die 
zu Gesetzgebern, zu geistlichen wie weltlichen Führenden und 
Regierenden des Volkes berufen sind, nicht „mehr Herz für 
das Volk" und seine leiblichen und geistig- sittlichen Nöte 
haben? Wo ein Wille ist, da wäre schon ein Weg. 

Berge von privater Liebe findet man aufgetürmt, wenn 
man die freiwillige Sorge für die Tausenden von Elenden und 
Unglücklichen, Schwachsinnigen, Epileptischen und anderen 
leiblichen und geistigen Krüppeln, welche jenes sociale Elend 
zumeist verschuldet, in den grofsen Anstalten wie die Biele- 
felder und Alsterdorfer (bei Hamburg) in Augenschein nimmt. 
Doch eine weit gröfsere Wohlthat würden die unserem Volke 
erweisen, die es vermögen, Mafsregeln zur Verhütung 
solcher Entartungen ernstlich einzuleiten. Die Ursachen sind 
hier vielfach körperliche wie geistige und ethische Entbehrungen 
allerlei Art bei Eltern und Kindern neben sittlicher Ver- 
kommenheit mit allen ihren Folgeerscheinungen. 

Für reich und arm kann aber nur die Pestalozzische 
Losung in „Lienhard und Gertrud" helfen: „Die Wohnstube 
(die Familie) mufs Rettungsanstalt werden!" — 

Doch mit der Fernhaltung körperlicher wie geistiger Über- 



— 51 - 

anstrengungen im Geniefsen wie Entbehren bei Eltern und 
Kindern ist keineswegs genug geschehen. Es gilt nicht minder, 
die Widerstandskraft der Einzelnen wie ganzer Ge- 
schlechter gegen die Ursachen neuro- und psychopathischer 
Veranlagung zu erhöhen. Es gilt körperlich wie geistig Selbst- 
beherrschung und Entsagungsfähigkeit zu üben, Körper und 
Geist von früh an gegen jede Überempfindlichkeit abzuhärten, 
das Pflichtgefühl zu stärken u. s. w. 

Alles, was den Körper im allgemeinen schwächt und die 
Gesamtkonstitution schädigt, vermindert auch die Widerstands- 
kraft des Nervensystems und fördert somit die psychopathische 
Belastung. 

Psychopathische Minderwertigkeit schliefst aber auch nicht 
selten eine ethische Minderwertigkeit ein, auf alle Fälle steht 
sie mit der individuellen und socialen Moralität im Kausal- 
zusammenhange. Beide bedingen einander. Die Ethisierung 
der Gesellschaft bedeutet darum zugleich Verhütung nervöser 
und seelischer Schwächen und Leiden. 

Im Hinblick auf unsere nervösen und psychopathisch be- 
lasteten Kinder ist vor allen Dingen das Familienleben 
zu ethisieren. Wer eine Familie gründet, sollte für sich und 
seine Nachkommen auch die Pflicht übernehmen, ein ruhiges 
und behagliches Familienleben führen zu wollen. 

So sollte das Oberhaupt dafür Sorge tragen, dafs er im 
Berufs- und Genufsleben nicht vollständig auf- oder gar mora- 
lisch untergeht. Es ist jedenfalls sehr zu beachten, was der 
englische Psychologe und Irrenarzt Maudsl ey*) von seinen 
landsmännischen Kaufleuten sagt, und ohne Frage auch für 
einen gewissen Teil unserer deutschen Geschäftswelt zutreffend : 

„Es sind nicht die Wogen innerer Aufregung, die die 
Seele des Kaufmanns verwirren und zu maniakalischen Aus- 
brüchen führen, — obwohl auch dies zuweilen vorkommen 
kann, — es ist nicht ein Fehlschlagen auf der Höhe einer 
Geldkrisis, das seine Kraft lähmt und ihn tiefsinnig macht, — 
wiewohl auch dies manchmal zutrifft, — sondern die Aus- 
schliefslichkeit seines Lebenszieles und seiner Beschäftigung 
ist es, die nur zu oft das moralische oder altruistische Ele- 



*) Maudsley, Die Physiologie und Pathologie der Seele. Würzburg 

1870. S. 214. 

4* 



— 52 — 

ment seiner Natur untergräbt, ihn zum teilnahmlosen Egoisten 
und Pedanten macht und in seiner Person die menschliche 
Seite der Natur zu Grunde richtet .... Ein solcher Mensch 
wird keine gesunden Kinder erzeugen ; im Gegenteil, es ist im 
hohen Grade wahrscheinlich, dafs die von ihm erworbene Kor- 
ruption seiner Natur als ein verhängnisvolles Erbgut auf seine 
Kinder übergehen wird .... Ich mufs nach dem, was ich 
gesehen habe, die Überzeugung aussprechen, dafs eine über- 
triebene Leidenschaft für die Erwerbung von Reichtümern, 
die die ganze Kraft des Lebens absorbiert, zu geistiger De- 
generation der Nachkommen prädisponiert — entweder zu 
ünmoralität oder zu sittlicher und intellektueller Mangelhaftig- 
keit, oder endlich unter gewissen Lebensverhältnissen zum 
Ausbruch positiven Irrseins. Denn keine organische Regung, 
sie sei sichtbar oder unsichtbar, fühlbar oder unfühlbar, ob sie 
den edelsten Zwecken oder den niedrigsten diene, verschwin- 
det spurlos, sondern hat eine Wirkung auf das Ganze, die 
auch in den verborgensten Tiefen des Seelenlebens noch nach- 
klingt und nachzittert und als Anlage auf die Nachwelt über- 
gehen kann." 

Das Oberhaupt der Familie sollte sich nicht blofs als Vater 
der Kinder, sondern auch als Priester seines Hauses fühlen, 
der an Feierabenden und Feiertagen seine Gemeinschaft zu 
weihen versteht. Noch weniger aber sollte die Hausfrau sich 
als „ Ausfrau kl wohl fühlen. Versteht sie nicht, das heilige 
Feuer an ihrem eigenen Herde als Vestalin zu hüten, so wird 
es sicher erlöschen und die ruhelose Jagd nach dem ver- 
gnügenden Glück bei Eltern und Kindern in dem nerven- 
erregenden Lärm der modernen Geselligkeit beginnen, wobei 
Rausch und Jammer so lange periodisch abwechseln, bis letz- 
terer in der Form von „Nervosität" den Sieg davon trägt. 
Die sogenannten Erholungen reizen und zerrütten eben das 
Nervensystem am meisten. Es ist darum eine ganz natürliche 
Erscheinung, wenn man in religiös gesinnten, sittenstrengen 
Kreisen weit seltener nervöse und psychopathische Disposition, 
Belastung und Entartung antrifft, als dort, wo man an der 
Kirche vorbei geht und dem Genüsse nachjagt. 

Überhaupt gilt es neben oder gar vor der Leibes- und 
Geistesbildung auch die Gemüts- und Charakterpflege 



— 53 — 

zu üben. Denn die Gemütsbewegungen üben einen starken 
Einflufs aus auf das gesamte organische Leben und durch 
dieses auf die Bewegungen und auf die inneren Ernährungs- 
prozesse, wie auf das Vorstellungs- und Willensleben. 

„Eine Störung des Gemütslebens wirkt auf das animale 
sowohl als auf das organische und intellektuelle Leben. Sie 
gräbt sich in die Züge des Antlitzes ein und spricht sich in 
dem ganzen Habitus des Körpers aus ; sie kann Organkrank- 
heiten hervorrufen oder vorhandene verschlimmern, indem sie 
je nach ihrer Dauer eine vorübergehende oder bleibende Zer- 
rüttung bedingt ; sie kann endlich den Verstand temporär ver- 
dunkeln oder sogar für immer zu Grunde richten. Objekte 
und Ereignisse, die ihrer wahren Natur nach Unlust erregen 
sollten, rufen Lust hervor und umgekehrt: Scenen der Un- 
ordnung, Excesse, Gewaltthaten sind dem verkehrten Gefühl 
willkommen und angenehm, Ordnung und Mäfsigung aufregend 
und widerstrebend. Ja, bevor Bildung und Erfahrung be- 
stimmte Wege für die Ideenassociation gebahnt und Vor- 
stellungsgruppen organisiert haben, strebt jede Bewegung des 
Gemüts direkt sich nach aufsen zu kehren, entweder auf die 
Organe des vegetativen oder auf die des organischen Lebens. 
Bei Kindern und Wilden kommen bekanntlich einfache Affekte 
sehr leicht zu stände und geben sich ebenso leicht durch 
Beaktion nach aufsen kund. Erst wenn sich ein fester Cha- 
rakter gebildet hat, ist eine Kraft vorhanden, die die Energie 
der Affekte in den Schranken des intellektuellen Lebens zurück- 
zuhalten imstande ist; doch selbst dem ehernsten Charakter 
begegnet es zuweilen, dafs ein Affekt, zu mächtig oder zu 
plötzlich entstanden, sich dieser Kontrolle entzieht."*) 

Wie in gesunder Weise, ohne weichliche Sentimentalität, 
Gefühlsschwäche und gesteigerte Affekte die Gemüts- und 
Charakterpflege in organischer Verbindung mit dem Unter- 
richte zu üben ist, läfst sich hier im Kahmen dieser Arbeit 
nicht weiter ausführen. An den genannten Orten habe ich 
wiederholt diese Frage berührt, ihr auch in meinem „Tage- 
buch für Unterricht und Erziehung" den ihr ge- 
bührenden Raum zugewiesen. In anziehender Form giebt Dr. 
E. Barth, Direktor der Erziehungsschule in Leipzig, Eltern 

*) Vgl. Maudsley a. a. 0., S. 142 ff. 



— 54 - 

und Lehrer praktische Winke.*) Auch Dr. Fritz Schultz e, 
Professor der Philosophie und Pädagogik an der poly- 
technischen Hochschule in Dresden, hat ganz in unserm Sinne 
in gemeinverständlichster Weise das ganze Gebiet von Unter- 
richt und Erziehung beleuchtet.**) Beide Schriften seien den 
Lesern darum angelegentlichst empfohlen. 

In der angedeuteten Weise müssen also die Eltern zu- 
nächst für sich sorgen, wenn sie fähig sein wollen, ihren Kin- 
dern die wertvollsten Lebensgüter, die Gesundheit an Leib 
und Seele zu vererben. Auch ist nur in einer reinen, sonnen- 
durchwärmten Luft des Familienlebens eine Kräftigung und 
Härtung von Nerven, Geist und Gemüt der. Kinder möglich. 

Um sodann die Widerstandskraft der Kinder gegen Nerven 
und Geist schädigende Einflüsse zu erhöhen, empfiehlt sich 
zunächst eine einfache, naturgemäfsere Lebensweise 
in Nahrung, Wohnung und Kleidung, u. a. frühzeitige Ge- 
wöhnung an Luft und Licht neben systematischer, aber doch 
auch nicht übertriebener und überreizender Abhärtung 
gegen Temperatureinflüsse; regelmäfsige körper- 
liche Bewegungen, und zwar nicht blofs durch Spazieren- 
gehen, wobei blofs die Beinmuskeln sich kräftigen, sondern 
auch durch Spiele und körperliche Arbeit im Freien oder 
doch in luftigen, staubfreien Eäumen; Pflege der Selbst- 
tätigkeit bei allen körperlichen wie geistigen Verrichtungen, 
und zwar von frühester Jugend an; ebenso Gewöhnung 
an ruhigen Gehorsam — nur einmal darf etwas be- 
fohlen werden — ; vor allem aber Pflege der Liebe und 
Pietät wie der Achtung vor der Autorität, der Wahr- 
heitsliebe, der Gewissenhaftigkeit, Zuverlässig- 
keit und Pflichttreue, der Willenskraft, der Selbst- 
achtung und des Selbstvertrauens, aber auch der wah- 
ren Frömmigkeit und des Gottvertrauens. 

Wir müssen uns mit wenigen Hinweisen begnügen; es 
liefse sich sonst viel über jeden einzelnen Punkt sagen, wie 
denn auch schon viel darüber gesagt und geschrieben worden 



*) Barth, Über den Umgang. 4. Aufl. Langensalza. Derselbe, Die 
Keform der Gesellschaft durch Neubelebung des Gemeindewesens. Leip- 
zig 1885. 

**) Schultze, Deutsche Erziehung. Leipzig 1893. 



— 55 — 

ist, wenn auch selten in dem Sinne, dafs es Mittel sind, die 
Kinder gegen Nervosität und psychopathische Schädigung zu 
schützen. Doch kann ich mir nicht versagen, über Autorität 
und Liebe ein ebenso schönes wie tiefsinniges Wort unseres 
grofsen pädagogischen Forschers Herbart hier anzuführen*) 
und daran einige Bemerkungen zu knüpfen. 

„Der Autorität beugt sich der Geist; sie hemmt seine 
eigentümliche Bewegung; und so kann sie trefflich dienen, 
einen werdenden Willen, der verkehrt sein würde, zu er- 
sticken. Sie ist am unentbehrlichsten bei den lebendigsten 
(nervösen) Naturen; denn diese versuchen das Schlechte mit 
dem Guten; und sie verfolgen das Gute, wenn sie sich im 
Schlechten nicht verlieren. — Erworben wird die Autorität 
nur durch Überlegenheit des Geistes; und diese läfst sich be- 
kanntlich nicht auf Vorschriften reducieren; sie mufs für sich, 
ohne alle Rücksicht auf Erziehung dastehen. Ein kon- 
sequentes und weitgreifendes Handeln mufs offenbar von 
statten gehen auf eignem, geradem Wege, achtsam auf die 
Umstände, unbekümmert um die Gunst oder Ungunst eines 
schwächern Willens." 

„Liebe beruht auf dem Einklang der Empfindungen und 
auf Gewöhnung. Der erwirbt sie gewifs nicht, der sich ab- 
sondert, viel im hohen Tone spricht, und sich mit kleinlich 
abgemessenem Anstände bewegt. Aber auch der erwirbt sie 
nicht, der sich gemein macht, und, wo er gefällig, aber zu- 
gleich überlegen sein sollte, nach eigenem Genüsse hascht, 
indem er am Genüsse der Kinder teil nimmt." 

„Aber die Liebe des Knaben ist vergänglich und flüchtig, 
wenn nicht hinreichende Gewöhnung hinzukommt. Längere 
Zeit, warme Sorgfalt, Alleinsein mit dem Einzelnen, dies giebt 
dem Verhältnis Stärke. — Wie sehr die Liebe, wenn sie ein- 
mal gewonnen ist, das Regieren erleichtert, braucht nicht erst 
gesagt zu werden; aber sie ist der eigentlichen Erziehung so 
wichtig — indem sie dem Zögling die Geistesrichtung des 
Erziehers mitteilt — dafs diejenigen dem gröfsten Tadel unter- 
liegen , die sich ihrer zu den selbstgefälligen Proben 



*) Aus seiner „Allg. Pädagogik", I. Buch. 5. Aufl. der Bartholomäi- 
schen Ausgabe. Langensalza 1890. S. 134 f. 



— 56 — 

von Gewalt über die Kinder so gern und so verderb- 
lich bedienen!" 

„Die Autorität ist am natürlichsten beim Vater, denn bei 
ihm springt am sichtbarsten die Überlegenheit des Geistes 
hervor, der es zugestanden ist, mit wenigen Worten der Nicht- 
billigung oder des Beifalls niederzuschlagen oder zu er- 
freuen." 

„Die Liebe ist am natürlichsten bei der Mutter; bei ihr, 
die unter Aufopferungen aller Art die Bedürfnisse des Kindes, 
die sonst niemand erforscht, verstehen lernt; die zwischen 
sich und dem Kinde viel früher eine Sprache bereitet und 
bildet, als irgend ein anderer zu dem Kleinen die Wege der 
Mitteilung findet; die, von der Zartheit des Geschlechts be- 
günstigt, so leicht den Ton der Einstimmung in die Gefühle 
ihres Kindes zu treffen weils, dessen sanfte Gewalt, nie gemifs- 
braucht, auch nie seine Wirkung verfehlen wird." So meint 
Herbart. 

Was aber Autorität und Liebe in einer Person vereinigt 
zu bewirken vermögen für die Führung anderer, lesen wir 
Matth. VIII, 9. „Wenn ich sage zu einem: Gehe hin! so gehet 
er ; und zum andern : Komme her ! so kommt er, und zu meinem 
Knecht: Thue das! so thut ers." Autorität und Liebe so 
vereinigt, ist der von Christus bewunderte wie geforderte 
„Glaube", der oftmals „Berge versetzt" und darum auch 
„böse Geister," die ein Kind „unruhig" machen, zu bannen 
und fernzuhalten versteht. Wie nun aber, wenn eins oder 
beides fehlt? Wenn der Vater nervösen Kindern gegenüber 
nur eine „Autorität" ist, die sie zittern und scheu und schüch- 
tern macht? Oder wenn die Mutter in „Liebe" zerfliefst und 
keine Autorität besitzt? Wenn man Tyrannei, die blinden 
Gehorsam ohne vertrauensvolle Hingabe erzwingt, als Au- 
torität fafst, und wenn das Aufgehen in nervöse Affekte, das 
äufsere Herzen und Küssen und Streicheln und Schmeicheln, 
sowie das sich Fügen in den launenhaften Willen eines psycho- 
pathisch minderwertigen Kindes, also die krankhaften Willens- 
schwächen der Mutter, Liebe nennt?! Wenigstens darf es uns 
dann nicht wundern, wenn die psychopathische Disposition bald 
zu einer Belastung oder gar zu einer Degeneration sich steigert, 
anstatt dafs die Widerstandsfähigkeit sich vermehrt. 



— 57 — 

Und wie nun, wenn die natürliche Autorität und Liebe 
der Eltern oder ihrer Stellvertreter nicht mehr wirkt oder mit 
den Trägern ins Grab gefahren ist und der einzelne Mensch 
oder eine Gemeinschaft von Menschen den Glauben an eine 
absolute Autorität und eine absolute Liebe verloren hat; 
wenn der sittliche und religiöse Boden unter den Füfsen wankt 
und schwankt; wenn nicht mehr aus dem Herzen dringt: 
„Unser Vater in den Himmeln. Dein Name werde geheiligt. 
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe!"? Darf es uns da 
wundern, wenn die eigenen Willen der Menschen und der 
menschlichen Gemeinschaften einander im Kampfe ums Dasein 
nach dem Satze: „Gewalt geht vor Recht" aufreiben und aus 
der nervösen Unruhe nicht herauskommen? 

Ohne dafs sittlich-religiöse Kräfte mitwirken, 
kann eine wirksame Prophylaxe gegen Nervosität und 
psychopathische Entkräftung nicht Platz greifen. Da- 
für sollte das Gesagte wenigstens eine Andeutung geben. 

Die Herbartsche Pädagogik stellt der Erziehung und dem 
Unterricht als oberstes Ziel: sittlich-religiöse Charakter- 
bildung. Ein unbedingtes Festhalten an demselben ist auch 
für unsere Frage der gewiesenste Weg. 

Leicht liefse sich nun zeigen, wie Gottvertrauen und wahre 
Frömmigkeit, Autorität und Liebe gegen Eltern und Lehrer, 
Treue und Wahrhaftigkeit auch in den kleinsten Dingen, Selbst- 
vertrauen und Willensstärke und andere sittliche Eigenschaften 
mehr nicht blofs manche seelische Aufregung und Schädigung 
verhüten, sondern auch den Körper leistungs- und widerstands- 
fähiger entwickeln lassen. Doch der Leser wird sich die 
Wirkung sittlicher Kräfte in der Erziehung leicht ausdenken 
können an zahlreichen bekannten Beispielen aus der Geschichte 
und dem täglichen Leben. Ich will darum nur noch auf die 
Kehrseite, auf das Verziehen und Verwöhnen, dem die 
pathologischen Kindesnaturen wiederum weit mehr als die ge- 
sunden ausgesetzt sind, mit wenigen Andeutungen eingehen. 

Wie unverständig manche Eltern gerade diesen Kindern 
gegenüber handeln, ist oft unglaublich. 

Ein nervöses, blutarmes Kind soll abgehärtet werden, in- 
dem man es ohne Unter- und Überkleider in die kalte Winterluft 
schickt, während ein vollblütiger Junge mit rosigen Wangen, 



— 58 — 

der keinen Überrock kennen sollte, Wollhemde tragen mufs 
und draufsen in Pelze gehüllt wird. 

Ein Kind, dessen neuropathische Disposition sich schon 
frühzeitig in der Überempfindlichkeit der Geschmacks- und 
Yerdauungsnerven kenntlich macht, überfüttert man mit 
Leckereien und Näschereien, damit ja noch die Nervosität 
gesteigert wird. Heute essen sie dann viel, weil es gut 
schmeckt, und morgen haben sie einen verdorbenen Magen, 
warum sie ungenügend essen, zumal wenn es nichts „Schönes" 
giebt. „Milch trinkt unser Kind nicht, es mag und verträgt 
sie nicht; es mufs Chokolade, Kakao, Kaffee und Bier, oder 
auch Wein mit Wasser haben," hört man oft. 

„Halt, auf deiner Milch schwimmt Sahne, die will ich dir 
herunternehmen; ich kann sie auch nicht essen," hörte ich 
mehrfach von Müttern und Vätern sagen, einmal sogar zu 
einem Kinde, das kaum Milch und Sahne unterscheiden konnte. 

„Nein, das kann mein Kind nicht essen," oder: „Schmeckt 
dir das auch, sonst gebe ich dir etwas anderes," spricht der 
überreizte Geschmack mancher Mutter, die auf diese Weise nun 
auch eine Überempfindlichkeit bei dem Kinde züchtet. Und 
manchmal wird es darin so weit gebracht, dafs krankhaft ver- 
anlagte Kinder vor jedem Gericht schreiend erklären: „Nein, 
das mag ich nicht, das kann ich nicht essen," auch wenn 
hinterdrein nach Bitten und Zureden der Angehörigen es sich 
dasselbe vortrefflich munden läfst. 

Wie hier so wird es dann in allen Dingen wählerisch. 
Es weifs zuletzt gar nicht, was es will, oder vielmehr, es 
bekommt jedesmal das Gefühl, dafs es das, was es soll, nicht 
wollen kann und nun das Gegenteil erstreben mufs. 

Eine gesunde Erziehung weifs dergleichen zu vermeiden; 
je erregter und unruhiger ein Kind ist, desto besonnener und 
ruhiger hält sie in allen diesen Dingen fest an dem Sprichwort 
der noch nicht nervösen niederdeutschen Bauern: „Kälbermafs 
und Kindermafs müssen alte Leute wissen," und: „Sic volo, 
sie jubeo!" Dadurch wird dem Kinde manche Unruhe, Un- 
zufriedenheit, Schädigung des Magens, ja auch manche bittere 
Strafe erspart. Was natürlich ein Kind nicht essen kann, da- 
mit soll man es auch nicht quälen. Das wäre eine ebenso 
verkehrte Behandlung. 



— 59 — 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich nochmals dringlich vor 
Kaffee und Alkohol warnen. 

Mit Professor Nothnagel in Wien müssen wir es als 
einen Krebsschaden unserer Zeit bezeichnen, dafs man schon 
kleinen Kindern von zwei und drei Jahren Wein oder Bier 
bei Tisch verabreicht. Neuro- und psychopathisch veranlagte 
Kinder sollten insbesondere während ihrer ganzen Kindheit 
vor Alkohol- wie vor Kaffee- und ähnlichen Genüssen gehütet 
werden. Auch Roem er*) kann nicht umhin, „auf die schweren 
Gefahren aufmerksam zu machen, welche die von vielen Laien 
und auch von manchen Ärzten so befürwortete Darreichung 
von geistigen Getränken , zumal den schweren Sorten , an 
schwächliche Kinder nach sich ziehen; ohne Zweifel ist ja der 
Alkohol auf der Höhe so mancher Krankheiten und im Rekon- 
valescenzstadium ein unschätzbares Heilmittel, aber die fort- 
gesetzte Zufuhr, zumal wenn sie blofs prophylaktisch oder um 
der Schwäche willen gegeben wird, mufs notwendig das Nerven- 
system schwer beeinträchtigen."**) Ich kenne ein Kind, das 
mit Tokayer Wein auf Anraten des Arztes grofsgezogen wurde. 
Später wurde es schwer epileptisch und geht wahrscheinlich 
körperlich wie geistig und sittlich zu Grunde. 

Fast noch mehr als bei der Ernährung werden unsere 
Kinder im Hinblick anf die Selbsttätigkeit verwöhnt. 
Hier gilt das Wort: „Wer nicht hat, von dem wird noch ge- 
nommen, was er hat." Neuro- und psychopathisch veranlagte 
Kinder haben z. B. oft Muskelschwäche und Bewegungs- 
anomalien. Anstatt nun das Wenige durch Übung zu kräf- 
tigen, heifst es: „Halt, das kannst du nicht, das will ich dir 
machen!" oder: „Ich kann es nicht ansehen, wie das arme 
Kind sich beim An- und Auskleiden so quält, da helfe ich 
ihm lieber." Ein zwölfj ähriger Knabe von normaler Körper- 
gröfse sollte beim Anziehen seiner Stiefel dieselben wenigstens 
mit anfassen. „Das bin ich nicht gewohnt," erklärte er. 
Solche Kinder lernen erst sehr spät selbständig essen und 
trinken, sie werden oft bis ins schulpflichtige Alter gefüttert, 
und hinterdrein wundert man sich über die Ungeschicklichkeit 



*) Psychopathishe Minderwertigkeiten im Säuglingsalter. S. 43. 
**) Weiteres bei Dr. R. Demme, Professor in Bern, Über den Einflufs 
des Alkohols auf den Organismus der Kinder. Stuttgart 1891. 



— 60 — 

bei der Tafel. Sie brauchen sich nicht an- und auszukleiden, 
das wird gemacht. Sie gehen nicht spazieren, sie werden 
spazieren geführt. Sie fahren nicht mit ihrem Schlitten und 
Wagen, man fährt sie in denselben. Sie beschäftigen sich 
nicht, sie werden beschäftigt. Sie turnen nicht, sie werden 
geturnt. U. s. w. Das einzige, was das „mitleidige" (d. h. 
gefühls seh wache) Herz ihnen nicht abnehmen kann, ist das 
Gehen, Stehen und Sitzen. Die Beinmuskulatur ist darum bei 
solchen Individuen auch in der Regel nur wenig geschwächt, 
während ich Arme und Hände bei mehreren 12jährigen und 
älteren Kindern kennen gelernt habe, die nicht kräftiger und 
geschickter als die von gesunden, dreijährigen waren, zum 
grofsen Teil nur infolge von Unthätigkeit. 

Dasselbe wiederholt sich dann auf geistigem Gebiet. Das 
Kind spielt nicht, man spielt mit ihm oder läfst es spielen. 
Es sucht das Verlorene nicht, man sucht es ihm. Es lernt 
nicht selbst beobachten, man zeigt ihm die Dinge. Seine 
Hausaufgaben aus der Schule macht es nicht selbständig, sie 
werden ihm gemacht oder man läfst sie es machen. Das 
Kind lernt in Haus und Schule eigentlich nicht, es „wird ge- 
lernt". Kurz, Kinder werden wie Gänse genudelt. 

Was dabei aber vollständig in die Brüche geht, das ist 
das Selbstvertrauen. Jeder dritte Satz bei solchen Kin- 
dern lautet: „Ach, das kann ich nicht." Und darum thut in 
der Erziehung derselben nichts mehr not, als nie diesen Ge- 
danken aufkommen zu lassen, d. h. nicht mehr von ihnen zu 
verlangen, als was sie können und das Gefühl einzupflanzen, 
dafs auf einen Streich noch keine Eiche fallen kann. 

Ebenso gesellen sich zu der Schwäche dann gern die Be- 
quemlichkeit, Trägheit und Faulheit. Sie werden ge- 
wissermafsen auf jene Weise anerzogen. 

Aus Bequemlichkeit lernen sie dann weiter das Nicht- 
können und Nichtmögen vorschützen und so gewöhnen sie sich 
an Unwahrheit. 

Sehen sie nun noch, wie die moderne Geselligkeit der 
Erwachsenen durch Unwahrheiten jeder Unbequemlichkeit und 
Verlegenheit aus dem Wege geht, so lernt das Kind lügen, 
und man weifs garnicht, woher es das hat. Man vergifst 
eben, dafs hier von den Erwachsenen das Wort Lessings gilt : 



— 61 — 

„Ich kann meine sittliche Würde von mir werfen, um sie in 
jedem Augenblicke wieder aufzunehmen," dafs das Kind aber 
nicht dazu fähig ist. 

Jean Paul ist zwar der Ansicht : „In den ersten fünf Jah- 
ren sagen unsere Kinder kein wahres Wort und kein lügendes, 
sondern sie reden nur. Ihr Eeden ist ein lautes Denken; da 
aber oft die eine Hälfte des Gedankens ein Ja, die andere 
ein Nein ist, und ihnen beide entfahren, so scheinen sie blofs 
zu lügen, indem sie mit sich reden. Ferner: sie spielen gern 
mit der ihnen neuen Kunst der Eede; so sprechen sie oft 
Unsinn, um nur ihrer eigenen Sprachkunde zuzuhören." 

Und Schleiermacher sagt in seiner Erziehungslehre: 
„Wenn man den Kindern nicht unrecht thun will, so mufs 
man sehr bestimmt unterscheiden, dafs sie dabei rein von dem 
Gesichtspunkt ausgehen, einen gewissen Zweck zu erreichen, 
dafs sie aber die Unwahrheit gar nicht so abschätzen, wie wir 
es müssen; sie sehen die Sprache nur als einen Vorrat von 
Mitteln an, ihren Zweck zu erreichen. Worauf man aber 
halten mufs, ist dies, dafs sie, wenn man nach dem fragt, 
was geschehen ist, die Wahrheit geben." 

Eine gelungene Lüge wird aber gar leicht die Mutter der 
Lügen. Man mufs darum von vornherein auf der Hut sein 
und die Luft in der Familie auch von diesem Ansteckungsstoff 
rein zu erhalten suchen, indem man jede Lüge als eine Ent- 
weihung des Familienheiligtums betrachtet, als „ein häfslicher 
Schandfleck an einem Menschen, der nur gemein ist bei un- 
gezogenen Leuten", wie schon Jesus Sirach sich ausdrückt. — 

Natürlich geschieht das Verziehen und Verwöhnen in der 
besten Absicht. Je schwächer ein Kind ist, desto mehr wird 
es „geliebt". Allein solche Liebe der Angehörigen ist oft 
blind oder doch kurzsichtig. Sie kann nicht ertragen, dafs 
das bedauernswerte Kind auch nur einen Augenblick von 
einem Unlustgefühl beherrscht wird; sie sieht aber nicht, wie 
schwer oft dieses Gehen- und Geschehenlassen für die gesamte 
seelische Entwicklung ins Gewicht fällt und mit tausend weit 
schädlicheren Unlustgefühlen im Lebenslaufe bezahlt werden 
mufs. — 

Hinzu kommt noch, dafs bei Nervosität und psycho- 
pathischer Minderwertigkeit nicht selten die egoistische 



— 62 — 

Gesinnung krankhaft gesteigert ist und altruistische Ge- 
fühle oft gänzlich fehlen oder sich doch erst sehr spät ent- 
wickeln. Das ist namentlich der Fall, wenn geistige Schwäche 
vorhanden ist. Solche Kinder reden kaum einen Satz, der 
nicht das Wort „ich" enthält. Und besitzen nun Eltern 
solchem Kinde gegenüber eine liebevolle Willensschwäche, so 
bringt oft schon ein vierjähriges Kind es fertig, die ganze 
Familie zu beherrschen. In überraschender Weise wissen sie 
jeden Umstand auszunutzen, um ihren Willen durchzusetzen. 
Sie merken z. B., dafs die Eltern vermeiden, in Anwesenheit 
eines Besuchs mit ihnen zu verhandeln, und darum ist ihnen 
jeder Besuch willkommen zur Befriedigung ihrer Neigungen 
und Wünsche. Sie wissen oder fühlen genau, was sie durch 
Schreien durchsetzen können und was wiederum durch Lieb- 
kosen der Mutter, und so üben sie sich fleifsig in beidem bis 
zu einer gewohnheitsmäfsigen Virtuosität, die schliefslich alle 
Welt umarmen und küssen möchte, und nicht selten tragen 
diese krankhaft gesteigerten Affekte — Zärtlichkeit und An- 
hänglichkeit fälschlich genannt — mit der Zeit gemeingefähr- 
liche Früchte. 

So sehr ich auch warnen möchte, rücksichtslos Grundsätze 
durchzuführen, wie sie so oft angepriesen werden, — dafs man 
nicht früh und konsequent genug mit der Abhärtung des Kin- 
des beginnen, es nicht früh genug an Gehorsam gewöhnen 
könne u. s. w. — , so möchte ich doch allen besorgten und be- 
unruhigten Müttern dringend die Bewahrung der Seelenruhe 
und Geduld bei der ganzen Erziehung und Pflege anempfehlen 
und sobald das Kind einsichtsvoll genug ist, eine sorgfältige 
Pflege der wahren Liebe und Autorität, die in dem Kinde 
keine anderen Gedanken aufkommen läfst als die: „So wie es 
Vater und Mutter wollen, so ist es unbedingt gut;" „nicht 
mein, sondern ihr Wille geschehe;" „was Vater und Mutter 
mir sagen, will ich gern und sofort thun;" „nur einmal darf 
ich mir etwas sagen lassen" u. s. w. 

Solche Liebe heilt manchen Schaden an Leib und Seele. 



— 63 — 

. rvAotwv 

V. Über die Behandlung der Kinder mit 
psycliopathiscken Minderwertigkeiten. 

Wenn bei einem Kinde eine psychopathische Schädigung- 
vorhanden ist, sei es, dafs sie angeboren, sei es, dafs sie im 
Laufe des Lebens erworben worden ist, so fragt es sich, ob 
und wenn ja, wie sie zu beseitigen oder doch zu bessern 
ist, und wenn beides nicht möglich, wie man ihre Fort- 
entwicklung verhindern kann. 

Nicht alle Schädigungen des Nervensystems wie des Geistes- 
lebens sind besserungsfähig. Mancher Nerven- oder Geistes- 
kranker kehrt bekanntlich nie über die Schwelle des Irren- 
hauses zurück, und aus einem Idioten ist noch nie ein Genie 
geworden. Aber auch unter den psychopathischen Minder- 
wertigkeiten giebt es Formen, wo die Besserung von vorn- 
herein ausgeschlossen ist. Das ist insbesondere bei einigen 
angeborenen und vererbten Schädigungen und Fehlern der 
Fall, die auf einer organischen Gehirnveränderung beruhen. 
Ein neues Nervensystem läfst sich eben nicht schaffen. Man 
mufs da oft froh sein, wenn das Übel nicht fortschreitet. 

Die meisten angeborenen wie erworbenen Fehler aber 
sind bei rechtzeitiger zweckmäfsiger Behandlung besserungs- 
fähig, wenn auch nicht immer heilbar. Eine schwache Kon- 
stitution läfst sich z. B. kräftigen, ohne jedoch eine Durch- 
schnittshöhe in den Leistungen erreichen zu können. Ein 
Kind, das um drei Jahre in seiner Geistesentwicklung zurück- 
geblieben ist, läfst sich selten auf die Stufe des Altersdurch- 
schnitts bringen; doch ist schon viel gewonnen, wenn es fortan 
im gleichen Schritt seiner Nebenmänner vorwärts kommt und 
die Distanz der Entwicklungshöhe nicht noch gröfser wird. 

Unter den besserungsfähigen psychopathischen Minder- 
wertigkeiten endlich giebt es auch manche, die zugleich heil- 
bar sind. Die durch Überanstrengungen oder durch verkehrte 
Behandlung in Pflege, Unterricht und Erziehung oder durch 
andere Zufälligkeiten erworbenen Fehler stehen hier oben an. 
Dennoch läfst sich hier wie dort Bestimmteres nur von Fall 
zu Fall sagen und eine weitere Darlegung hätte hier darum 
wenig Zweck. 



— 64 — 

Auch die Prognose ist hier ebenso sicher und unsicher 
wie bei allen körperlichen Krankheiten und Gebrechen. Der 
Arzt kann sich wohl den Verlauf eines bestimmten Krankheits- 
prozesses an sich vorstellen, allein alle die mitwirkenden Ge- 
legenheitsursachen und ihre Folgen kann er unmöglich vorher 
bestimmen. So auch hier. Werden Pflege, Unterricht, Auf- 
sicht und Erziehung zweckentsprechend ausgeführt, was oft 
nur in einer Anstalt möglich ist, und treten keine aufser- 
gewöhnlichen Einflüsse wie körperliche Krankheiten, starke 
und andauernde Gemütsbewegungen u. s. w. auf, so läfst sich 
auch der geistig- sittliche Entwicklungsverlauf wohl absehen. 
Im andern Falle aber ist keinerlei Gewähr zu leisten, ob eine 
psychopathische Disposition sich nicht zu einer Belastung und 
weiter zu einer Degeneration oder gar zu einer Psychose 
steigern kann. 

Weit wichtiger ist für Eltern, Lehrer und Kinderärzte 
das Wie der Behandlung. 

Um eine zweckmäfsige Behandlungsweise vorschlagen zu 
können, ist zunächst notwendig, dafs man den Entstehungs- 
ursachen des betreffenden Falles genau nachforscht. Es ist 
das nicht leicht. Das Kind selbst kann höchst selten darüber 
irgend welche Auskunft geben. Und haben wir es mit einer 
angeborenen psychopathischen Minderwertigkeit zu thun, so 
wird von den Eltern und Angehörigen die erbliche Belastung 
selten hinreichend angegeben, namentlich dann nicht, wenn 
Syphilis oder Trunksucht in Frage kommen, so ungemein 
Avichtig auch gerade diese Ursachen für die Behandlung sind. 

In meiner Anstalt bediene ich mich zur Ermittlung der 
Entstehungsursachen eines Fragebogens, den ich von Eltern 
oder anderen Angehörigen beantworten lasse. 

Derselbe forscht zugleich nach der Entwicklung des 
Zustandes, die ja für den weiteren Verlauf und die ganze 
Behandlung nicht minder wichtig ist. 

Mit einigen kleinen Änderungen, die sich im Laufe der 
Zeit als erwünscht herausstellten, bringen wir ihn hiermit zum 
Abdruck. 

I. 
1. Name: 

Ort, Tag und Jahr der Geburt: 



— 65 — 

Jetziger Aufenthaltsort : 
Konfession : 

2. Name, Stand (Beruf) und Wohnort des Vaters, bezw. der 
Mutter oder des Vormundes: 

3. Zahl der Geschwister: 

4. Das wievielte ist das in Frage stehende? 

5. Sind die übrigen geistig und körperlich gesund oder mit 
welchen Leiden und Fehlern sind sie behaftet? 

IL 

Inwieweit ist die 1 e i b 1 i c h e E n t w i c k 1 u n g nicht normal 
verlaufen ? f 

1. Ist etwas Besonderes über die Schwangerschaft mit dem 
Kinde (Krankheiten der Mutter, heftige Gemütsbewegungen, 
Angstzustände u. s. w.) oder über die Geburt desselben 
(Frühgeburt, Zangengeburt u. s. w.) zu berichten? 

2. Ist das Kind gestillt worden? Von wem und wie lange? 

Kann daraus ein ungünstiger Einflufs hervorgegangen 
sein? (Ungenügende Ernährung durch die Mutter, Über- 
tragung von Syphilis und andere Schädigungen durch die 
Ammen u. s. w.) 

3. Wie oft und wann wurde es geimpft? 

Wurden nach der Impfung Veränderungen bemerkbar? 

4. Wann lernte das Kind gehen? 

Wann lernte es sprechen? und wie entwickelte sich die 
Sprache ? 

5. Wann hörte das nächtliche Einnässen auf? 

Oder findet dasselbe noch statt und wenn, regelmäfsig 
oder nur zeitweilig? 

■6. Welche Krankheiten hat das Kind überstanden? Hat es 
Masern, Scharlach, Diphtheritis, Blattern, Typhus, Bhachitis, 
Skrophulosis, Augen- und Ohrenkrankheiten, Rachen- oder 
Nasenübel, Keuchhusten, Kopfausschläge, Schlagflufs, Läh- 
mung, Krämpfe, Epilepsie, Gehirnentzündung, Veitstanz 
u. s. w. gehabt? Und wenn, haben dieselben irgend welche 
Spuren zurückgelassen ? 

7. Sind direkte oder indirekte Kopfverletzungen, Hirn- 
erschütterungen u. s. w. vorgekommen? und wenn, welche 
Folgen hatten dieselben? 

5 



— 66 — 

8. Sind in der Familie des Kindes Geisteskrankheiten, Hirn- 
krankheiten, Nervenkrankheiten (insbesondere Epilepsie), 
Trunksucht, Syphilis, auffallende Charaktere, Verbrechen, 
Selbsttötungen, Geistesschwäche und dergl. vorgekommen? 

In welchem Verwandtschaftsverhältnis steht das Kind 
zu den damit behafteten oder damit behaftet gewesenen 
Personen ? 

9. Sind Vater und Mutter blutsverwandt und wenn, inwieweit? 

10. Hat der Bau des Körpers (des Kopfes, des Halses, des 
Brustkorbes, des Unterleibes, der Haut, der Zähne u. s. w.) 
auffallende Merkmale? 

Schielt das Kind? 

11. Haben Haltung und Gang etwas Auffallendes? 

Geht es vornübergebeugt, mit gestreckten oder mit ge- 
bogenen Beinen? U. s. w. 

Ist das Kind träge, langsam, ruhig, lebhaft, unruhig, 
aufgeregt u. s. w. ? 

12. Sind die Hände normal gebildet? 

Fühlen sie sich warm oder kalt und schlaff an? 

Greift das Kind mit der rechten oder mit der linken 
Hand? 

Kann es die Finger willkürlich spreizen und biegen? 

Kann es allein essen und trinken? 

Kann es sich vollständig aus- und ankleiden? 

Sind irgendwelche Schwächen in den Hand- und Finger- 
muskeln vorhanden? 

13. Zeigen sich auffallende Bewegungen (der Hände, der Beine, 
der Gesichtsmuskeln u. s. w.)? 

14. Ist die Verdauungsthätigkeit eine normale? oder treten 
Störungen auf und wie? 

15. Machen sich auch schon geschlechtliche Eeize bemerkbar? 
(Ist bemerkt worden, dafs es onaniert?) 

16. Wie schläft das Kind? Kommt nächtliches Aufschrecken 
oder Nachtwandeln vor? 

III. 

Ist das Kind in seinem Geistesleben normal, oder 
zeigen sich auffallende Schwächen, Einseitigkeiten oder Stö- 
rungen? 



— 67 — 

Im letzten Falle: 

1. Liegen Störungen der Sinne vor (Schwerhörigkeit, Kurz- 
sichtigkeit, Fernsichtigkeit, leichte Erregbarkeit eines 
Sinnesorganes oder Stumpfheit eines solchen, Überempiind- 
lichkeit der Haut, oder auch Unempfindlichkeit gegen 
Hautreize, hervorgerufen durch Wärme, Kälte, Schlag, 
Druck, Kitzel u. s. w.)? 

2. Seit wann und worin zeigte sich ein Zurückbleiben hinter 
Gleichaltrigen? Oder besitzt es hervorragende Begabung 
und worin? 

Wurden andere auffallende Abweichungen bemerkt? und 
welche? (Gedächtnisschwäche, Mangel an Aufmerksamkeit, 
Zerstreutheit, Zerfahrenheit, Mangel an Auffassungsfähig- 
keit, an Einbildungskraft u. s. w. — oder auffallende ent- 
gegengesetzte Veranlagung?) 

3. Ist es bereits unterrichtet worden? 

Wo, von wem und wie lange? 
Wie war der Erfolg? 

In welchen Unterrichtsfächern ist es am leistungsfähigsten? 
In welchen Gegenständen zeigte sich der geringste Er- 
folg? und welches war die vermeintliche Ursache? 

4. Wie weit sind die Farben Vorstellungen ausgebildet? 
(Welche Farben werden unterschieden?) 

Wie die Zahlvorstellungen (was etwa kann es mit Ver- 
ständnis sicher berechnen)? 

Wie die Zeitvorstellungen ? (Welche Zeitabschnitte seines 
Lebens stellt es sich deutlich vor? Inwieweit die der 
Geschichte u. s. w. ?) 

5. Kann es etwas verständlich und frei wiedererzählen, und 
was etwa? 

6. Sind Sprachstörungen (Stammeln, Stottern, eine sich über- 
stürzende oder verlangsamte Eedeweise u. s. w.) vor- 
handen ? 

IV. 

Sind abnorme Erscheinungen im Gefühlsleben und im 
sittlichen Charakter bemerkt worden? 
1. Hat es krankhafte Angstzustände? und wie äufsern sich 
diese? 

5* 



— 68 - 

2. Ist das Kind mehr heiter oder mehr traurig gestimmt? 

3. Ist es teilnehmend oder gleichgültig oder schadenfroh gegen 
das Weh anderer? 

Neckt es gern andere und zankt es leicht oder ist es 
verträglich ? 

Ist es mitteilsam oder selbstsüchtig? 

gesellig oder abgeschlossen? 

gutmütig oder bösartig? 

Zeigt es sich launenhaft, trotzig, heftig, jähzornig u. s. w.? 
und bei welcher Gelegenheit? 

4. Zeigt es normale Eltern- und Geschwisterliche ? Oder will 
es Eltern und Geschwister nur zur Verwirklichung selbst- 
süchtiger Zwecke verwenden? 

Gehorcht es willig? wenn nicht, wie äufsert sich der 
Ungehorsam ? 

5. Zeigt es für andere gefährliche Charaktereigenschaften? 
und wie äufsern sich diese? 

6. Macht das Kind der Führung (Erziehung) noch aufserdem 
besondere Schwierigkeit? Wenn, worin besteht dieselbe? 

7. Hat es besondere Angewohnheiten, Anlagen, Sonderbar- 
keiten und Liebhabereien? 

V. 

Sind die Thätigkeitsäufserungen normal? 

1. Beschäftigt es sich (lernt und spielt es) gern und von 
selbst? 

2. Womit beschäftigt es sich am liebsten? 

3. Ist es in praktischen Dingen geschickt oder unbeholfen? 

4. Wird es durch irgendwelche Lähmung oder Steifheit seiner 
Organe im Handeln behindert? 

5. Wofür hat es besonderes Interesse und Geschick? 

VI. 

1. Sind für die abnormen seelischen Zustände noch besondere 
Ursachen aufzufinden, wie: 
Erziehungsfehler ? 

körperliche und geistige Überanstrengung? 
oder lange gewohnte Unthätigkeit ? 



— 69 — 

heftige Gemütsbewegungen ? 

heftiger Schreck oder Angst oder Furcht? 

2. Sind die abnormen Zustände dauernde oder vorüber- 
gehende ? 

In letztem Falle: treten sie periodisch auf und in wie 
langen Zwischenräumen ? 

3. Welche ärztlichen wie erzieherischen Mittel wurden bisher 
angewendet zur Beseitigung der abnormen Zustände? 

Von wem und mit welchem Erfolge? 

Sind so Entstehungsursachen und bisherige Entwicklung 
der fehlerhaften Erscheinungen möglichst sicher ermittelt, so 
ergiebt sich manches für die Behandlung schon von selber. 

Zunächst wollen die Ursachen beseitigt sein. Das ist 
natürlich nur möglich, wenn man sie kennt, und nicht selten 
nur dadurch, dafs das Kind aus der alten Umgebung vorüber- 
gehend oder dauernd entfernt wird. Ist z. B. ein Kind mit 
krankhaft gesteigerter Reizbarkeit behaftet und die Mutter, 
welche es zu erziehen hat, selber nervös oder gar hysterisch, 
so wird der erziehliche Einflufs der Mutter das Übel täglich 
steigern. Oder ist ein Kind launenhaft und scheu zugleich, 
und der Vater ein Trinker oder ein jähzorniger Mensch, so 
kann das Übel sich ebenfalls nicht bessern, denn es erhält 
täglich neue Nahrung. Sehr häufig findet man auch, dafs 
Eigenschaften der Eltern zwar hervorstechen, aber noch ganz 
in der Gesundheitsbreite liegen, während bei einem Kinde die- 
selben als pathologisch auftreten. Die Willensstärke eines 
Vaters, welche grofse Leistungen ermöglichte, kann bei einem 
psychopathisch minderwertigen Sohne als Eigensinn, Zer- 
störungstrieb, Launenhaftigkeit zu Tage treten, eine künst- 
lerische Begabung als krankhaft gesteigerte Phantasie, als 
Gröfsenwahn u. s. w. Selbst in solchen Fällen findet das Zerr- 
bild durch die gesund erscheinenden vorbildlichen Eigen- 
schaften der Eltern stetig neue Nahrung, die ihm nur durch 
andere indifferente Beeinflussung entzogen werden kann. 

Nicht selten hindert auch die Affenliebe der elterlichen 
Umgebung die Gesundung. Was man einem normalen Kinde 
unter keinen Umständen gewähren würde, das mufs dem ab- 
normen unbedingt werden. Ein Kind, an Intellekt und Gemüt 



— 70 — 

geschwächt, soll Empfindungen wie normale Kinder besitzen, 
und in dieser Täuschung wird dem Kinde oft das Undenk- 
barste zu willen gethan. Es beherrscht die Umgebung, der 
es sich unbedingt unterordnen sollte. 

Die Schwächen der Eltern wissen solche Kinder in auf- 
fallender Weise auszunutzen. 

Oft sind belastete Kinder im Elternhaus auch einem 
Dienst- und Pflegepersonal überlassen, dem jedes Verständnis 
für solche Erscheinungen fehlt, und das sie darum vollends 
auf falsche Bahnen lenkt. 

Nicht selten sind es auch die Geschwister und Mitschüler, 
welche die Fehler zum Gegenstande des Spottes, der Necke- 
reien und Hänseleien machen und dadurch das Übel vermehren 
und das damit behaftete Kind scheu, zurückhaltend oder bos- 
haft machen. 

Unter solchen Umständen sollte ein psychopathisch minder- 
wertiges Kind so früh als möglich längere Zeit in geeignetere 
Umgebung kommen. 

Aber wohin? 

Gegen eine Anstaltserziehung herrscht vielfach eine starke 
Abneigung. Es mag das vielleicht daher kommen, dafs die 
öffentlichen oder auf Wohlthätigkeit begründeten Anstalten 
für Schwachsinnige solche Kinder massenweise anhäufen und 
der Individualität nach keiner Seite hin Genüge leisten können. 
Dennoch habe ich mich durch wiederholte Besuche überzeugt, 
dafs die Mehrzahl dieser Kinder hier besser aufgehoben ist 
als daheim. Aufserdem gab es aufser für Schwachsinnige, 
Blödsinnige. Epileptische, Taubstumme und Blinde keine be- 
sondere Anstalten für die Form der Minderwertigkeiten, welche 
unsere Schrift besonders im Auge hat. Wiederholt wurden 
Eltern von Ärzten Anstalten für Schwachsinnige empfohlen; 
allein nicht ohne Grund erklärten jene, ihr Kind sei eigent- 
lich nicht schwachsinnig, und sie könnten sich nicht für eine 
solche Anstalt entscheiden, wie denn auch ein solcher Fall 
den Anstofs zur Gründung meiner Anstalt gab. 

Über Anstalts- und Familienerziehung ist im letzten Jahr- 
zehnt in der Tagespresse viel gestritten worden. Jede Art 
hat ja auch ihre Vorzüge und Nachteile. Kann ein Kind nicht 
im Elternhause erzogen werden, so ist eine andere Familie 



— 71 — 

ebenso fremd wie eine Anstalt, und das Kind ist immer Stief- 
kind in derselben. Auch hat das fremde Familienoberhaupt 
stets eine andere Lebensaufgabe, als ein schwer erziehbares 
Kind zu behandeln. Das Studium seiner Eigenart und die 
ganze Bildung und Erziehung kann darum nur nebenbei ge- 
schehen. Gewöhnlich wählt man eine Pfarrersfamilie auf dem 
Lande. Der Pfarrer ist aber zunächst Geistlicher und hat als 
solcher eine volle Kraft einzusetzen. Hinzu kommt noch, dafs 
die Geistlichen selten ein pädagogisches Interesse bekunden, 
sofern es nicht mit der Schulaufsichtsfrage zusammenfällt. 
Obgleich die Seelsorge nichts als Erzieherarbeit ist, so ist ihre 
pädagogische Vorbildung ebenso gering wie die der Philologen. 
Sie durch ein sechs wöchentliches Hospitieren an einem Volks - 
schullehrerseminar erwerben zu wollen, heifst die Aufgaben 
der Erziehung nicht einmal ahnen. „Unsere pädagogische 
Bildung genügt nicht einmal für den pfarramtlichen Beruf, 
geschweige denn für die Schule," klagt ein rheinischer Pfarrer.*) 
Wie denn für die Erziehung psychopathisch Minderwertiger? 
Solange allerdings die Aufgabe vorwiegend im „Lernen" er- 
blickt wird, wird man natürlich anderer Meinung sein. 

Kommt es jedoch nur darauf an, die Kinder aus einer 
ungünstigen elterlichen Umgebung in eine gesundere Luft zu 
versetzen, so stehen unsere evangelischen Pfarrerfamilien immer 
oben an. Namentlich finden junge Mädchen dort oft am meisten, 
was ihnen heilsam ist: eine gesunde Familienluft und ein 
ruhiges Leben. 

Dasselbe gilt von den Lehrerfamilien. Nur steht der 
Lehrer den Erziehungsfragen im allgemeinen näher als der 
Pfarrer, während er andrerseits beruflich mehr überbürdet ist. 

Trotz aller Vorzüge des kleineren Familienkreises kann 
jedoch selten eine rationelle körperliche wie seelische Behand- 
lung hier Platz greifen, wie wir sie hernach als notwendig 
darlegen werden. Bäder, diätetische Kuren, Massage, Heil- 
gymnastik, individualisierender Unterricht u. s. w. sind oft 
beim besten Willen in den ländlichen Familien nicht durch- 
zuführen. 



*) Ein Wort zum Recht und zum Frieden in der Schulaufsichtsfrage. 
Ev. Schulblatt 1885. 



— - 72 — 

Manchmal wird auch ein schwach befähigtes Kind mit 
häuslichen Arbeiten in solchen Pensionen oft noch mehr als 
im Elternhause überbürdet. 

Wiederholt kommt es auch vor, dafs aus Unkenntnis Bier- 
trinken und Cigarrenrauchen schon 14jährigen Knaben gestattet 
wird, deren nervöse Konstitution jeden derartigen Genufs über- 
haupt verbietet. 

Allen diesen Gefahren ist ein solches Kind in Anstalten 
nicht ausgesetzt. Die Anstalten sind nur für solche Kinder 
da. Die Erzieher, Lehrer und Pfleger derselben haben ihre 
Berufsarbeit in der erziehlichen Behandlung solcher Kinder. 
Alle Einrichtungen und Mafsnahmen werden für sie getroffen. 
Was ihnen nicht heilsam ist, wird fern gehalten. In der An- 
stalt ist das Kind nie Anhängsel oder Stiefkind. Es ist voll- 
wertiges Glied einer grösseren Familie. 

Eine immer wiederkehrende Befürchtung der Eltern ist 
die, dafs ihr Kind in einer Anstalt mit Tieferstehenden, ja gar 
mit einem schwachsinnigen Kinde in Berührung kommen kann, 
und die meisten atmen froh auf, wenn sie bei uns keine auf- 
fallend Schwachsinnige finden. Allein darin liegt selten eine 
Gefahr. Nicht der Ultimus einer Klasse ist andern gefährlich, 
selbst wenn er ein Galgenstrick ist, sondern in erster Linie 
der Primus, sofern er Untugenden zur Schau trägt. Wie 
nachahmungssüchtige Frauen sich nicht nach den Bettlerinnen, 
sondern nach den höchsten Schichten der Gesellschaft in ihren 
Moden und ihrem Benehmen richten, so auch ein Kind. Tiefer- 
stehenden ahmen sie selten etwas nach — zumal wenn eine 
besondere Überwachung vorhanden ist, die sie sofort auf 
das Fehlerhafte aufmerksam machen würde — wohl aber 
geistig Höherstehenden. Wie im socialen Leben, so fürchtet 
man vielfach auch hier nichts Gefährliches bei den Freund- 
schaften mit Hunden und Pferden, die doch die Stufe eines 
schwach befähigten Menschen wohl nie ganz erreichen. Es 
ist für die sociale Erziehung jedoch nichts nötiger, als dafs 
der Mensch frühzeitig lerne, mit allem, was Menschenantlitz 
trägt, menschlich zu verkehren. Um seiner selbst willen ist 
das nötig. Wir mischen in unserer Anstalt darum grundsätz- 
lich nicht blofs die Geschlechter, sondern auch die Altersstufen, 
unser Vorbild in der Familie suchend. Der ausschliefsliche 



- 73 — 

Verkehr mit Gleichstehenden und Gleichgearteten mufs die 
Charakterbildung notwendig einseitig beeinflussen. 

Immerhin wäre von Fall zu Fall zu prüfen, ob eine ärzt- 
liche und heilpädagogische Behandlung im Elternhause, oder 
ob die vorübergehende Übersiedelung in eine andere zuver- 
lässige Familie, oder ob die Unterbringung in einer Anstalt 
das empfehlenswertere ist. Generell möchte ich das keines- 
wegs entscheiden. 

Ebensowenig lassen sich allgemeingültige Vorschriften für 
die Art der Behandlung geben. Sie wird sich stets nach 
dem einzelnen Falle richten müssen. Doch ist unbedingt er- 
forderlich, dafs ärztliche und pädagogische Mafsnahmen Hand 
in Hand gehen. Zwei einander ähnlich sehende Fälle verlangen 
gar oft eine grundverschiedene Pflege wie Erziehung. 

Im allgemeinen gilt nun zunächst, die körperlichen 
Schäden zu heilen und die Schwächen zu kräftigen, soweit 
es möglich ist. Unterricht und Erziehung dürfen erst in 
zweiter Linie in Betracht kommen. 

Was da zu thun ist, mufs zuoberst der Arzt bestimmen. 
Nur einige allgemeine Gesichtspunkte wagen wir hier zu bieten. 

Wie der ganze Körper, so sind auch Nerven und Gehirn 
oft ungenügend genährt. Dann ist eine überschüssige 
Ernährung notwendig. Die von Professor Binswanger in 
Deutschland zur Anwendung gebrachte Weir-Mitchelsche Kur 
leistet uns hierin gute Dienste. 

Grundsätzlich schliefsen wir dagegen jedes alkoholhaltige 
Getränk sowie Thee und Kaffee aus. Die Nervengesundheit 
manchen Kindes ist hierdurch ruiniert worden.*) Zum Glück 
kommen auch die Ärzte immer mehr davon zurück, schwäch- 
lichen Kindern, ja schon Säuglingen mit Tokaier und anderen 
Weinen helfen zu wollen. Mögen Alkohol, Morphium u. a. 
Gifte ein wertvolles Mittel in der Hand des Arztes bei der 
Behandlung des Erwachsenen bleiben, zum „täglichen 
Brote" unserer Kinder gehören sie auf keinen Fall; sie sind 
namentlich für neuro- und psychopathisch geschädigte Kinder 
geradezu gefährlich. Gegen etwaige Erregungszustände stehen 



*) Näheres in der Schrift von Dr. E. Demme, Professor in Bern, 
Über den Einflufs des Alkohols auf den Organismus der Kinder. Stutt- 
gart 1891. 



— 74 — 

harmlosere Mittel als das Morphium zur Verfügung, so z. B. 
namentlich die Bromsalze. 

Hand in Hand mit einer zweckmäfsigeren Ernährung mufs 
oft Heilgymnastik, Massage, hydropathische und 
manchmal auch elektrische Behandlung gehen, abwech- 
selnd mit geistiger und körperlicher Beschäftigung, Bewegung 
in freier Luft und Bettruhe — wie es jene Kur verlangt. 

Der erziehlich-unterrichtlichen Behandlung 
sind damit schon bestimmte Schranken gezogen. Eine ein- 
seitige geistige Überbürdung ist dabei kaum noch möglich, da 
es an Zeit dafür fehlen würde. 

Ist aber das Körperliche anscheinend intakt, so dafs dafür 
keine besondere Behandlung erforderlich ist, so ist dennoch 
unbedingt neben vermehrter Ruhe eine Steigerung der körper- 
lichen Bewegungen durch tägliche Turnübungen, durch 
Handarbeiten, insbesondere im Garten, durch Spazier- 
gänge, Spiele im Freien u. s. w. zu erstreben. Auch 
bedarf zwischen den einzelnen Stunden ein schwaches Hirn 
eine längere Pause zum Ausruhen, als man sie ihm ge- 
wöhnlich zu teil werden läfst. Ebenso erträgt es selten die- 
selbe Anzahl der täglichen Stunden für geistige Arbeit wie ein 
rüstiges Gehirn. Die Arbeit ist ja ohnehin schon für dasselbe 
eine gröfsere Last. 

Was so an Quantität der geistigen Ausbildung verloren 
geht, mufs durch die Qualität möglichst zu ersetzen gesucht 
werden. 

Die Vorbedingung dafür ist eine gute und sichere Re- 
gierung der Kinder, welche die Eingewöhnung in Sitte 
und Ordnung zur Aufgabe hat. 

Sie mufs zunächst dafür sorgen, dafs das Kind vor 
Affekterregungen allerlei Art bewahrt bleibt. Wenn 
ein Pädagoge in den wüsten Lärm eines Schulspielplatzes 
hineinruft: „Gott segne euren heillosen Skandal!" so können 
wir in dem erregten Toben, Jagen und Schreien keinen Gottes- 
segen finden. 

Ruhe sollte auch der Kinder erste Pflicht sein. Selbst 
beim fröhlichsten Spiel sollte doch die Ruhe und die Selbst- 
beherrschung nicht aufser acht gelassen werden. Gewifs hat 
Jean Paul recht, wenn er sagt: „Heiterkeit ist der Himmel, 



— 75 — 

unter dem alles gedeiht, Gift ausgenommen." Allein ein hei- 
terer Himmel ist nur angenehm bei ruhigem Winde. Der 
scharfe Ost schadet den Nutzpflanzen noch mehr wie den 
Giftpflanzen. 

„Ach! unsre Freuden selbst, so gut wie unsre Leiden, 
Sie hemmen unsres Lebens Gang!" 

Namentlich bei Kindern mit gesteigerter Erregbarkeit 
kann man nicht genug auf ruhiges Verhalten achten. „Kühl 
bis ans Herz hinan," ist ihnen heilsamer als das aufregende 
Necken, Haschen und — Liebkosen. Wenn manches weibliche 
und weichliche Gemüt ahnte, welchen dauernden Schaden es 
oft durch das Herzen, Kosen und Küssen bei den reizbar 
schwachen Naturen anrichtet, so würde es sich gerade in 
diesem Punkte mehr Zurückhaltung auferlegen. Es kann dem 
Kinde einen gröfseren Liebesdienst erweisen, wenn es zeitig 
dafür sorgt, dafs das Kind lernt, der Begriff „lieb haben" hat 
einen tieferen sittlichen Inhalt und ist etwas mehr, als die 
Äufserungen der körperlichen Affekte des Liebkosens. „Ge- 
horsam ist besser denn Opfer." „Die Liebe ist des Gesetzes 
Erfüllung." „Sie stellt sich nicht ungebärdig; sie suchet nicht 
das Ihre." 

Die Regierung mufs sodann für unbedingten Gehorsam 
sorgen. Schlimm ist es, wenn ein gesundes Kind nicht folgt, 
also die Autorität der Eltern und Erzieher nicht respektiert. 
Weit schlimmer aber ist es bei Kindern mit psychopathischen 
Minderwertigkeiten. Man hat die Zügel vieler krankhafter 
Eegungen nur dann in der Hand, wenn das Kind aus un- 
bedingtem Vertrauen freudig der Stimme des Erziehers folgt. 
Fehlerhafte Kinder wollen vor allem konsequent regiert sein. 

Ein Ähnliches gilt von allen andern mittelbaren Tugenden, 
von der Ordnung, der Pünktlichkeit, der Reinlichkeit, der 
Sparsamkeit u. s. w. 

L es sing sagt einmal von sich: „Ich kann meine sittliche 
Würde von mir werfen, um sie in jedem Augenblicke wieder 
aufzunehmen." Für einen Kopf und Charakter wie Lessing 
mag das zutreffen, unsere problematischen Kindesnaturen ver- 
mögen das nicht. Darum sollten wir sie doppelt sorgfältig 
vor jeder sittlichen Entwürdigung hüten. Eine Aufsicht 



— 76 — 

sollte geübt werden, ohne dafs sie es merken; bei Tag wie 
bei Nacht. Und dennoch dürfen wir uns nicht verhehlen, dafs 
auch die gewissenhafteste Aufsicht im Elternhause wie in An- 
stalten die empfänglichen Naturen nicht immer vor dem An- 
fliegen unsittlicher Ansteckungsstoffe zu schützen vermag. 

Weil die Erfüllung der Forderungen der Regierung, ob- 
gleich sie es nur auf das äufsere Verhalten, auf die Einfügung 
in Sitte und Ordnung abgesehen hat, den nervösen Kindern 
oft so schwer fällt, so sind bestimmte Übungen dafür erforder- 
lich. Wir fassen darum auch das Turnen in erster Linie 
nicht als Unterrichtsgegenstand, sondern als Mafsnahme der 
Regierung auf. *) Das Kind mufs hier lernen, seiner unruhigen 
Glieder Herr zu werden. Erst wenn es das erreicht hat, wird 
es auch vermögen, sie in den Dienst sittlicher Ideen zu stellen. 
Wir lassen darum täglich eine Stunde turnen oder wandern. 

Aus ähnlichem Grunde sind auch die gemeinsamen Be- 
wegungsspiele sehr zu pflegen. Psychopathisch veranlagte 
Kinder haben oft eine antisociale Neigung, und eine um so 
stärkere, je erregter sie sind und je tiefer sie in intellektueller 
Hinsicht stehen. Sollier**) nennt alle Imbecillen antisocial. 
Wir halten diese Behauptung wie viele andere bei ihm für 
einseitig und übertrieben. Viel Wahres liegt aber darin. Die 
Aufmerksamkeit solcher Kinder konzentriert sich zu sehr auf 
das Ich; einmal, weil ihr Ich eine gröfsere Aufmerksamkeit 
als das eines normalen erfordert, sodann aber, weil die Affen- 
liebe so mancher Mutter alles dem Ich ihres Kindes unter- 
ordnet, selbst dann schon, wenn das Kind die Ich- Vorstellung 
noch gar nicht gebildet hat. Was sich darum später den 
eigenen Neigungen und Wollungen nicht unterordnen will, 
schafft Aufgeregtheit und ruft Eigensinn hervor, der sich bis 
zum Jähzorn und zur Bosheit steigern kann. 

Aus diesem Grunde ist auch die Einzelerziehung eines 
solchen Kindes oft geradezu gefährlich. Sociale Eigenschaften 
kann ein Kind nur in Gemeinschaft anderer Kinder erwerben, 
die ihm gleich stehen, oder denen es überlegen ist. Hierin 



*) Vergl. unser „Tagebuch für Unterricht und Erziehung" nebst „Be- 
gleitwort". 

**) Idiot und Imbecille. 



— ii — 

liegt, wie gesagt, auch ein Vorzug der Anstaltserziehung gegen- 
über den Familienpensionen. 

Auch die Werkstattsarbeit, die Gartenpflege, 
manche Fröbelsche Beschäftigungen und für Mädchen 
insbesondere die gröberen wirtschaftlichen Arbeiten in 
Haus und Küche sind für die Regierung der Kinder wie für 
ihre sociale Erziehung und praktische Bildung ungemein 
wichtig. Zweckmäfsige Beschäftigungen schaffen Ruhe, geben 
Sicherheit und halten Ungezogenheiten und Laster fern. Es 
ist bedauerlich für die Gesunden, dafs bei uns Deutschen — 
allerdings noch mehr bei den in der ganzen Welt zerstreuten 
Juden — die körperliche Arbeit als eine Last, ja als ein Fluch 
der Menschheit betrachtet wird, wie sie die heilige Schrift der 
Juden (Genesis 3, 17—19) auch darzustellen scheint.*) Weit 
folgenschwerer ist diese Anschauung für die neuro- und psycho- 
pathisch belastete Menschheit, für die Einzelnen wie für die 
nervösen grofsen Städte, deren geistig wie körperlich leistungs- 
fähiger produktiver Nachwuchs deswegen zum grofsen Teil aus 
der Provinz stammt. 

Die Sorge für eine zweckmäfsige Regierung durch Aufsicht 
und Beschäftigung ist somit von ungemeiner Wichtigkeit. — 

Mehr noch als die Mafsnahmen der Regierung hat jedoch 
der Unterricht auf die Zustände des Einzelnen Rücksicht 
zu nehmen. 

Die psychopathisch veranlagten Kinder dürfen nicht sehr 
angestrengt werden und doch ist auch ihnen eine möglichst 
hohe Entwicklung des geistigen Lebens zu wünschen. Hier 
gilt vor allem die Anwendung des Sprichwortes: „Mit vielem 
hält man Haus, mit wenigem kommt man aus." Aller und 
jeder überflüssige Ballast, wovon die öffentlichen 
Schulen viel mit sich schleppen, mufs vor allem über 
Bord geworfen werden. 

Alsdann mufs man dem Kinde für seine Entwicklung 
mehr Zeit lassen. Es kann und darf täglich nicht so 



*) Insbesondere wäre Geistlichen und Lehrern ein stärkeres Interesse 
für körperliche Arbeit zu wünschen. Sie könnten dann doppelt so segens- 
reich wirken. Es hält schwer, gebildete Personen als Lehrer, Erzieherinnen 
und Pflegerinnen zu finden, welche mit Freuden durch eigenes Zupacken 
zur Arbeit zu erziehen vermögen. 



— 78 — 

lange und so viel wie ein normales arbeiten, obgleich es leider 
infolge von pädagogischem und psychopathischem Unverstand 
so oft das Umgekehrte thun mufs. 

Dem schwächlichen und gebrechlichen Hirn verlängere man 
darum von vornherein die Schulzeit um einige Jahre und 
stecke ihm obendrein niedrigere Bildung s- und Berech- 
tigungsziele. Dann kommt es wahrscheinlich auch sicher 
an ein bestimmtes Ziel. Im andern Falle ist der Schiffbruch 
unausbleiblich. 

Die landläufigen und hergebrachten Lehrpläne sind aus 
diesen Gründen für viele der in Frage stehenden Kinder 
durchaus nicht zu gebrauchen. Die eine Hälfte halten wir 
für überflüssig und die andere für minderwertig, sofern es uns 
darauf ankommt, anstatt nachsprechende oder nur andern nach- 
denkende und nachahmende Menschen selbstthätige und selb- 
ständig denkende und handelnde, sittlichen Maximen folgende 
Charaktere heranzubilden. Schon Herbart hat diese Frage in 
tiefsinniger Weise wiederholt erörtert; allein sie steht im all- 
gemeinen noch fast genau so, wie zu Anfang des Jahrhunderts. 
Man scheut sich vor einer Lehrplantheorie und läfst sich von 
Mephisto vorreden, dafs sie wie alle Theorie „grau" sei.*) 
Wir können nicht umhin, ein Wort unseres Altmeisters einer 
wissenschaftlichen Pädagogik den Lesern in die Erinnerung 
zurückzurufen, ein Wort „über die Ökonomie der Päda- 
gogik".**) 

„Die Einwendungen der Finanzen — so sagt er -~ zer- 
stören die schönsten Pläne; — dem Pädagogen ist die Zeit 
das kostbare Gut, was er aufs wirtschaftlichste unter die 
verschiedenen Geschäfte, welche Anspruch darauf machen, zu 
verteilen hat. — Wird dies alles (was für die praktische, die 
moralische, die ästhetische und die allgemeine Bildung der 
Zöglinge Anspruch darauf macht), in seine Abteilungen und 
Unterabteilungen wohl zerlegt, gleichsam auf eine Tafel neben- 



*) Näheres im „Begleitwort" zu unserm Tagebuch für „Erziehung und 
Unterricht" sowie in Dörpfeld, Grundlinien einer Theorie des Lehr- 
plans. Gütersloh 1873. 

**) Her hart, Pestalozzis Idee eines ABC der Anschauung, als ein 
Cyklus von Vorübungen im Auffassen der Gestalten wissenschaftlich aus- 
geführt. Willmannsche Ausgabe. Langensalza 1880. Bd. I, S. 131 ff. 



— 79 — 

einandergelegt , damit das Nötigste von dem minder Nötigen 
geschieden, und jedem Jahr und Stunde angewiesen werde: 
so kann der Pädagoge nicht anders, als über die furchtbare 
Masse erschrecken, sich selbst, und den armen Kopf eines 
Knaben bedauern, in den so viele, so heterogene Dinge ein- 
gezwängt werden müssen! Vollends trübe wird diese Aus- 
sicht, wenn man sich erinnert, dafs doch eigentlich alles, was 
Wissenschaft heifst, ursprünglich aus einem wahren und un- 
schätzbaren Wohlgefühl des Geistes bei dem Erfinder 
hervorging, dafs eben daher Erheiterung und Erhebung seine 
wahre Bestimmung bleibt, — und dafs jetzt, da alle diese 
Wohlthaten sich stundenweise in den Kopf des Knaben ein- 
pressen wollen, nicht nur der Kopf von ihnen gedrückt, 
sondern auch das Herz, die tiefere, feinere, teilnehmende 
Empfindung, von ihnen nach den entgegengesetzten Seiten aus- 
einander gespannt, gezerrt, gerissen werden wird, dafs 
schlechterdings die Lust an dem einen, Unlust an vielem an- 
dern, was störend dazwischen tritt, erzeugen mufs, — dafs 
also mit dem mutigern Kopfe, der sich diese Teilung des Ge- 
mütes nicht gefallen läfst, die Erziehung in beständigem Kriege 
leben, und dafs sie der schöneren, sanfteren Seele, die sich 
keinen Mangel an Folgsamkeit verzeihen mag, eine ununter- 
brochene Reihe von Kränkungen zufügen wird. Statt den 
aufstrebenden Ideen zu helfen, wird sie sie durch einander 
zerstören; statt die Empfindungen mit immer neuer Wärme 
zu erquicken, wird sie sie durch einander erkälten und 
töten." 

„Sollte der Verfasser den eigentlichen Anfangspunkt einer 
auf den Grund dringenden pädagogischen Einsicht angeben: 
so fände er ihn in einer tiefen Besinnung an diese Wahrheit. 
Eine solche Besinnung ist es, wodurch Pestalozzi getrieben 
wird, nach bestimmten Eeihenfolgen im Unterricht zu suchen. 
Einer solchen Besinnung haben wir die Idee des ABC der 
Anschauung zu verdanken." 

„Die ganze Vorstellungsart, als seien die Gegenstände des 
Unterrichts eine Masse, deren Teile alle nebeneinander 
liegen, — welcher Vorstellungsart die Pädagogen zwar nicht 
systematisch, aber sehr gewöhnlich folgen, — ist von 
Grund aus verkehrt. — — Es soll der Geist des Zöglings 



— 80 — 

nicht etwa ebenso viele einzelne Kräfte, — ebenso viele kleine 
Stückchen von seiner gesamten Lernfähigkeit abgetrennt 
darreichen, als der Unterricht Auffassungen von ihm verlangt. 
Die Lernfähigkeit ist vielmehr eine intensive Gröfse, welche 
durch eine, ihr entsprechende, Solidität des Unterrichts in 
einem fertigen Zuge fortdauernd ausgefüllt werden mufs. 
Zwar läfst sich dies hier nicht, wie eigentlich nötig wäre, in 
spekulativer Schärfe erörtern. Aber so viel ist leicht einzu- 
sehen : erstlich, dafs man der Verlegenheit, welche der Mangel 
an Zeit bei der Menge des Unterrichts verursacht, nicht vor- 
teilhafter entgehen könne, als indem man den innern Ge- 
halt, das Gewicht dessen, was in jeder Stunde gelehrt 
wird, vermehrt und verstärkt; — wodurch eine grofse Menge 
der vorhin gemachten Abteilungen und Unterabteilungen wieder 
zusammen schwinden wird. Zweitens, dafs jede Stunde eines 
soliden Unterrichts eine Kraft in dem Gemüte des Zöglings 
zurückläfst; und dafs man die, durch verschiedene Arten 
des Unterrichts erzeugten Kräfte konservieren, folglich sie 
hüten müsse, einander zuwider zu streben und zu wirken ; 
(welches sonst jenen Streit der Empfindungen und jene Be- 
täubung des Geistes verursacht, bei der an keine Selbstän- 
digkeit des Charakters zu denken ist). Drittens, dafs man 
im Gegenteil die einmal erzeugten Kräfte, mit möglichstem 
Vorteil, vereinigt gebrauchen müsse, um dadurch immer 
und immer mehr zu gewinnen. Viertens, dafs man demzufolge 
bei der Verteilung der Unterrichtsstoffe auf Jahre und Stun- 
den, vor allein dahin zu sehen habe, welches die brauch- 
barsten und stärksten dieser Kräfte seien, — damit man 
sich diese am ersten und am sorgfältigsten verschaffe, — und 
wie man den ganzen Fortgang so einrichten könne, dafs nie 
eine Kraft müfsig liege, dafs vielmehr jedesmal alle vorher er- 
zeugten in der ganzen nachfolgenden Zeit beständig in voller 
Arbeit wirken mögen." 

„Ein Haupterfordernis eines guten pädagogischen Planes 
besteht darin: dafs er geschmeidig genug sei, um sich den 
verschiedenen Fähigkeiten anzupassen. Wo mehrere zugleich 
unterrichtet werden sollen, da vorzüglich bedarf es der Kunst, 
den schnelleren Köpfen freie Bewegung zu verschaffen; ohne 
sie von der allgemeinen Strafse, auf welcher die Menge fort- 



- 81 - 

geht, zu entfernen oder sie gar einen Vorsprung gewinnen zu 
lassen, durch den die Gesellschaft getrennt würde. Das ge- 
meine Verfahren, nach den Mittelmäfsigen das Mafs zu neh- 
men, und daherein alle zu zwängen, ist offenbar nachteilig für 
die meisten, und für die besten; dies Mafs ist zugleich zu 
grofs und zu klein, — zu klein gerade für die, deren Bildung 
sich am meisten belohnen würde.*) — Um jene Geschmeidigkeit 
des Plans zu erhalten, mufs das, was zur Hauptidee des- 
selben wesentlich und notwendig gehört, genau geschieden 
werden von den blofs nützlichen Erweiterungen; solcher Er- 
weiterung aber mufs man genug in Bereitschaft haben, — man 
mufs mit Leichtigkeit in sie zu lenken wissen, — und sie 
müssen, als für die Fähigeren bestimmt, zu etwas höheren 
wissenschaftlichen Stufen hinauf leiten." — 

Eine solche „Ökonomie" ist notwendig im Unterrichte für 
gesunde Kinder, unerläfslich aber für Kinder, welche mit see- 
lischen Minderwertigkeiten behaftet sind. Was aus den ge- 
sunden und kräftigen wird, das wird oft trotz der verkehrtesten 
Pläne und Methoden. Das Verdienst der Erziehung ist es 
nicht. Bei jenen Kindern mufs jedoch die Einsicht und die 
Kunst des Erziehers ersetzen, was die Natur ihnen versagt 
hat. Er mufs darum eine besondere pädagogische Durch- 
bildung besitzen, der geschickte Pläne zu entwerfen versteht. 

Weil der seelische Aufbau, den der Erzieher bei psycho- 
pathisch Minderwertigen vorfindet, hier Lücken, dort Ver- 
bildungen und anderswo wiederum defekte Stellen aufzuweisen 
hat, so mufs er dieselben zu erkennen, wie nach Möglichkeit 
eine Harmonie zu erzeugen vermögen. Oft ist es sogar not- 
wendig, dafs der ganze Bau abgetragen werde bis auf die 
Fundamente. 

Von den Verbildungen ein paar Beispiele. Sie können 
frühzeitig vermieden werden, so dafs ein deutlicher Hinweis 
sich verlohnt. 

Einen klassischen, immer wiederkehrenden Typus bietet 
Goethe im Götz von Berlichingen , wo der Sohn „vor lauter 
Gelehrsamkeit seinen eigenen Vater nicht kennt." 

Ein Mädchen von einer höheren Töchterschule einer Grofs - 



*) Zu grofs dagegen für alle mit geschwächtem Gehirn. 

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Stadt kam zu uns mit genau 10 Pfund gedruckten Buchstaben, 
darunter ein Lehrbuch der Geschichte. Geschichtstabellen, ein 
Liederbuch, eine Schule des Kunstgesanges u. s. w. „Wann 
regierte Karl der Grofse?" Sofort erfolgte die Antwort: „768 
bis 814." Desgleichen: „7 X 8 = 56." Aber: „Wie viel sind 
4 -f- 3?" dazu ist eine Pause von 5 Minuten erforderlich, um 
die Antwort: „4 -f 3 = 8" geben zu können. Die zur Ge- 
wohnheit gewordene wortmäfsige , papageienartige Aneignung 
von Lernstoffen hindert das Mädchen noch nach Jahr und Tag? 
etwas selbstthätig zu erfassen und auszudrücken. Ihre fran- 
zösischen Vokabeln, ihre Geschichtstabellen, ihr fliefsendes 
Lesen, ihre Fähigkeit, leicht ein Gedicht zu memorieren, ihr 
Alter von 12 Jahren schützten sie nicht davor, die Lehrstoffe 
des ersten Schuljahrs wieder durchzuarbeiten. 

Ein Tertianer, dem der Verbalismus zum Ekel geworden 
war, und der keinerlei Interesse mehr am Lernen hatte, ge- 
wann es wieder, als er in einem Nebenzimmer seine Aufgaben 
unberührt liefs und durch die Thür lauschte, wie ich kleinen 
Kindern Märchen erzählte. Bald griff er dann auch von selber 
wieder zur Lektüre eines Buches: er fing an, diese Märchen 
zu lesen. An demselben wuchsen Weitere geistige Interessen 
empor und nach einem Jahre arbeitete er in vielen Fächern 
wieder mit Lust und Liebe, allerdings nur, wenn sie ihm in 
geniefsbaren Formen geboten wurden. 

Solchen Kindern gegenüber handelt man darum stets am 
zweckmäfsigsten , wenn man mit den unterrichtlichen An- 
sprüchen so weit herabgeht, bis sie dem Stoffe volles Interesse 
und Verständnis entgegenbringen und denselben verdauen 
können. 

Auch älteren Kindern ist geistige Milch oft noch sehr 
dienlich, insbesondere dann, wenn ihr geistiger Magen gründ- 
lich verdorben worden. 

Andere Kinder wiederum zeigen nicht das Bild der Er- 
schöpftheit. Sie sind im Gegenteil aus psychopathischen Ur- 
sachen seelisch sehr erregt und verfolgen Dinge mit krankhaft 
gesteigertem Interesse. 

Ein zwölfjähriger stark belasteter Knabe, der im Eeligions- 
unterricht statt mit kindlichen Vorstellungen anscheinend mit 
theologischen Dogmen genährt worden war, beschäftigte sich 



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unausgesetzt mit den Problemen von Sünde und Erlösung. 
Eines Morgens giebt er beim Erwachen die Erklärung ab. 
Christus könne unsere Sünden nicht alle allein tragen. Es 
müsse noch ein Erlöser in die Welt kommen. 

Ein gesundes, kindliches Denken läfst sich hier nur er- 
streben, indem man mit ihm religiöse Stoffe bespricht, welche 
die einfachsten sittlichen Vorstellungen klar zur Anschauung 
bringen, etwa die in den landläufigen Plänen der ersten Schul- 
jahre vorgeschriebenen. Bewundert man dagegen das religiöse 
Denken des Knaben und giebt man seinem überspannten Vor- 
stellungsleben noch neue Nahrung, so darf man sich nicht 
wundern, wenn der Hang zum Wahnsinn um so schneller 
Thatsache wird. 

Ein andermal blätterte der Knabe in meinem Handatlas 
von Andree. Freudestrahlend teilt er mir mit: „Die tiefste 
gemessene Meeresstelle ist das Meer von Tuskarora. Sie ist 
8513 m tief." Und nun beginnt ein Fragen nach der Bedeu- 
tung des Namens, nach der Möglichkeit und Art der Messung ; 
es wird die Tiefe in die Ebene verlegt, berechnet, wie vielmal 
ein Haus wie das unsere aufeinander gestellt werden müsse, 
ehe es heraussieht u. s. w. Tagelang beschäftigte ihn die 
tiefste Meeresstelle fast ausschlief slich. Nach Monaten Avar 
sie noch im lebhaften Bewufstsein. 

Auch diese Erscheinung wird mancher loben und dem 
Knaben möglicherweise ein gediegenes Werk über Geographie 
zur Lektüre geben. Die Folge dürfte sein, dafs sich geo- 
graphisches Zwangsdenken einstellt, das den übrigen gesunden 
und vielseitigen Vorstellungsinhalt seiner Seele krankhaft über- 
wuchert. Besser ist es, das geographische Interesse längere 
Zeit ruhen zu lassen. 

Auf alle Fälle darf jedem psychopathisch minderwertigen 
Kinde nur ein Unterrichtsstoff geboten werden, den es in jeder 
Beziehung mit Verständnis und Interesse erfassen kann, auch 
ist es erwünscht, dafs er mit einer solchen Wucht auftritt, 
lafs er das Ungesunde im Vorstellungsleben niederzuhalten 
vermag. Der Unterricht mufs sich die Aufgabe stellen, einen 
seilen Geist mit klarem, leicht beweglichem Vorstellungsinhalte 
su schaffen. 

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In keinem Falle aber darf einem psychopathisch minder- 
wertigen Kinde ein Unterricht erteilt werden, der den An- 
schein zn erwecken vermag, als wäre das Kind für den vor- 
geschriebenen Lehrplan da. 

Ebenso wichtig wie die Quantität und Qualität des Stoffes 
ist die methodische Verarbeitung desselben. Wenn 
selbst ein Pädagoge wie Ufer*) meint, dafs die didaktischen 
Regeln, wie z. B. die der Formalstufen, beim Unterricht 
geistig abnormer Kinder nicht anzuwenden und Schwachsinnige 
nur zu dressieren seien, so möchte ich das Gegenteil um so 
mehr betonen: je didaktisch richtiger ein Unterricht erteilt 
wird, desto mehr wird er zur geistigen Gesundung und Ge- 
sunderhaltung beitragen, und tief zu beklagen ist es, wenn 
die Lehrkräfte an Idioteiiaiistalten nicht auf der Höhe der 
neueren Didaktik stehen. 

Gerade weil so viele psychopathisch minderwertige Kinder 
einer sogenannten mechanischen, d. h. verbalen Auffassung der 
Unterrichtsstoffe zuneigen, ist anstatt die Dressur und den 
Verbalismus zu pflegen, eine sorgfältige Durcharbeitung er- 
forderlich, welche das Kind zunächst die Stoffe anschaulich 
und lebendig erfassen, sodann auf der Anschauung als dem 
„absoluten Fundament aller Erkenntnis" (Pestalozzi) sie klar 
denken und endlich die klar erkannten Regeln, Gesetze und 
Maximen praktisch sicher anwenden lehrt. 

Innerhalb dieses allgemeinen Rahmens mufs man nun von 
dem Lehrer eines psychopathisch Minderwertigen unbedingt 
fordern, dafs er das Wesen der seelischen Anomalien klar er- 
kennt und den Stoff' wie die Methode so zu handhaben ver- 
steht, dafs beide korrigierend und heilend wirken. 

Gewöhnlich hört man in Lehrer- wie in Elternkreisen 
reden: „Die individuelle Veranlagung mufs gepflegt werden." 
Der Satz kann sehr bedenklich werden. Er darf nur befolgt 
werden, wenn die individuelle Veranlagung eine gesunde und 
eine sittlich-gute ist. Sonst mufs das gerade Gegenteil ge- 
schehen. Zur Gesundheit gehört Harmonie des Geistes. Statt 
Pflege einseitiger Interessen oder einseitiger Pflege einzelner 
Neigungen gilt es zur Erstrebung und Erhaltung geistiger 



*) Über das Wesen des Schwachsinns. 



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Gesundheit die Vielseitigkeit der Interessen zu betonen. 
Wir schliefsen darum grundsätzlich auch für unsere schwächsten 
Zöglinge kein Fach vom Unterrichte aus — es müfste sonst 
vorübergehend aus dem erwähnten Grunde geschehen.*) 

Die am Schlüsse unseres Begleitwortes zum „Tagebuch 
für Unterricht und Erziehung" gegebene Übersicht gilt darum 
für alle Schulen und alle Klassen. Einseitige oder Fach- 
bildung zu erstreben, bleibe Sache der Berufsbildung im nach- 
schulpflichtigen Alter. Nicht einmal die Trennung der Ge- 
schlechter in der allgemeinen Erziehungsschule läfst sich von 
diesem Standpunkte aus rechtfertigen. Die jetzt übliche 
geistige Differenzierung der beiden Geschlechter hat sogar 
leicht nachweisbare- schwere sociale Minderwertigkeiten zur 
Folge. 

Soviel über den heilpädagogischen Unterricht. 

Wenden wir uns jetzt der Zucht oder der Erziehung 
im engern Sinne zu. 

Der Unterricht sucht den Charakter des Zöglings durch 
ein Drittes, durch die Ausbildung des Gedankenkreises, zu be- 
einflussen. Die Zucht ist eine direkte Einwirkung des Er- 
ziehers auf den Zögling. Wie der Unterricht, so ist auch die 
Zucht an bestimmte Grenzen gebunden, schon bei normalen, 
geschweige denn bei abnormen Kindern. Sie kann auch durch 
die besten Mittel die körperliche und geistige Disposition des 
Zöglings nicht nach Belieben ändern. Doch vermag sie manches 
in der Entwicklung zu bessern. Sie kann üblen Einflüssen 
vorbeugen. Es können mancherlei nachteilige Wünsche und 
Neigungen, an deren Befriedigung die Lebensweise gewöhnt 
hat, mancherlei krankhafte Bestrebungen und Gesinnungen, 
zumal wenn sie in äufsern Verhältnissen ihren Grund haben, 
durch den bestimmenden Einflufs des Erziehers gehemmt und 



*) „Jede Erziehung mufs bis zu einem gewissen Grade die Natur zu 
ergänzen, Mängel und Einseitigkeiten der Begabung auszugleichen 
suchen. Sie soll allerdings die individuellen Gaben nicht vernichten oder 
abschwächen, aber sie doch verhindern, sich in dem Mafse einseitig zu ent- 
wickeln, dafs dadurch das Gleichgewicht der geistigen und körperlichen 
Kräfte gefährdet wird," so mahnt auch Dr. Konrad Lange im Interesse 
der Kunstbildung. Vgl. Die künstlerische Erziehung der deutschen 
Jugend. Darmstadt 1893. S. 36. 



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beseitigt und dagegen kann für Besseres Lust und Liebe ge- 
weckt und gepflegt werden. 

Notwendig ist es, dafs der Zögling von der Unhaltbarkeit 
seiner Vorurteile, seiner falschen Willensrichtungen, seiner ver- 
kehrten Handlungen im Unterrichte durch Belehrungen über- 
zeugt werde. Allein die durch blofsen Unterricht gewonnenen 
Vorstellungen sind doch selten mächtig genug, selbst bei nor- 
malen Schülern das zu unterdrücken, was sie von Kind auf 
gewohnt waren. Sind aber die Gemüts- und Willensrichtungen 
krankhafter, abnormer Art, so erreicht der blofse Unterricht 
noch weniger. Gemüt und Wille müssen unmittelbar gepackt 
werden, Avie es die Zucht bezweckt. 

Ihre Mittel sind zunächst eine wohlgeordnete, r e g e 1 - 
mäfsige Thätigkeit, vom einfachsten Spiel bis zur ernsten 
Arbeit. Wo die Mafsregeln der Hygiene und der Regierung 
wie die unterrichtliche Bearbeitung der Einsicht versagen, da 
übt eine zweckmäfsige Beschäftigung nicht selten eine heil- 
same Wirkung aus. Melancholische Verstimmung, Hypochon- 
drie, Hysterie u. s. w. lassen sich durch geregelte Beschäftigung 
oft auffallend bessern. 

Ich beobachtete vor Jahren ein erwachsenes Mädchen, 
das auf keine Weise aus ihrer melancholischen Lethargie 
herauszubringen war. Schliefslich appellierte man an ihr Mit- 
leid, und sie liefs sich bewegen, aus Barmherzigkeit eine tod- 
kranke Verwandte zu pflegen. Sie war nun Tag und Nacht 
am Krankenbette und genas trotz der Anstrengungen mit ihrer 
Pflegebefohlenen vollständig. 

„Jedes gelungene Handeln bildet eben die Quelle ■ für 
weiteres Wollen und Tliun. Die gelungene That ist zugleich 
eine Schule des Mutes. Und wenn auch der Mut die W^ege 
sich kürzer vorstellt, so weifs doch der Erzieher, dafs in dem 
mutlosen, zaghaften Gemüt die bösen Geister leichteres Spiel 
haben und betrachten ihn darum als willkommenen Genossen 
bei seiner Arbeit."*) 

Die Schwäche des Wo Ileus und die der Muskulatur 
läfst sich nur bessern, wenn der Zögling immer und immer 



*) Pädagogik im Grundrifs von Prof. Dr. W. Rein, Direktor des 
pädagog. Seminars an der Universität Jena. Stuttgart 1890. S. 121. 



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wieder zum Wollen und Handeln angeleitet wird. Doch darf 
man ihm nicht zu viel zumuten, damit sein Selbstvertrauen 
sich kräftigt. Jedes praktische Ziel mufs erreichbar sein auch 
für die schwächste Kraft und mit dem Gefühl des Wohl- 
behagens erreicht werden, damit ein neues Ziel freudig er- 
strebt werde. 

Dafs die landläufige Erziehung hier oft schwer sündigt, 
indem sie dem Schwachen jede Last abnimmt, oder auch, in- 
dem sie durch stetiges Tadeln und Strafen erreichen will, was 
sich nur durch Aufmunterung erreichen ' läfst, ist eine bekannte 
Thatsache. 

Verkehrte Willensneigungen und Handlungen 
lassen sich ebensowenig wegmoralisieren, so notwendig auch 
die Bearbeitung der Einsicht ist. Hier hilft ebenfalls vor 
allem Ablenkung durch Beschäftigung, welche an sittliches 
Wollen und zweckmäfsiges Handeln gewöhnt. „Gebt ihnen zu 
thun, damit sie sich nicht kehren an falsche Eede ! " das Recept 
kannte schon Pharao. Hinzu kommt noch, dafs Handeln die 
Einsicht am besten korrigiert. Eine Theorie ohne Praxis ist 
„grau". 

Die Zucht des Pädagogen benutzt darum gern die reiche 
Gelegenheit, welche die Lebensordnung der Familie oder der 
sie vertretenden Anstalt mit ihren Beschäftigungen, Be- 
sorgungen, gegenseitigen Dienstleistungen u. s. w. 
bietet. Und sie werden für den Zögling eine um so gröfsere 
heilerzieherische Bedeutung erlangen, wenn diese mit amtlicher 
Würde bekleidet und dem Zöglinge als sociale Ehrenpflicht 
auferlegt werden. 

Doch aufserdem sind Einzelbeschäftigungen wie gemein- 
same Arbeiten im Garten, in der Werkstatt, in der Hauswirt- 
schaft u. s. w. planmäfsig zu gestalten und dem Einzelnen je 
nach Art seiner fehlerhaften Veranlagung zu verordnen, bald 
zur Gesundung und Kräftigung des Intellekts — die Hand- 
habung eines Gartengeräts klärt z. B. bei manchem die Ge- 
danken mehr als eine grammatische Arbeit — , bald zur Kräf- 
tigung und Gesundung der Gemüts- und Charakteranlagen. 

Ein Ähnliches gilt von der Festigkeit der Lebens- 
orclnung, der Ausbildung fester Gewohnheiten. Ord- 
nung, Pünktlichkeit, Fleifs, Strebsamkeit, Freundlichkeit. Hof- 



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lichkeit sind ihre nächsten Früchte ; und sie sind gute Geister, 
welche verkehrte Wallungen niederhalten, sie sind Schutzengel, 
welche gefährdete Kinder vor dem Niederstürzen in Abgründe 
bewahren helfen. Und sofern die Lebensordnung eine gemein- 
same ist, hilft sie auch die bei den psychopathisch Minder- 
wertigen so oft verkümmerten altruistischen Gefühle pflegen. 

Wirksamer und weitgreifender ist endlich die direkte 
Beeinflussung des Gemüts, über dessen Bedeutung für 
das ganze Personlebeu wir oben schon im Anschlufs an 
Maudsley hinwiesen. 

Bei psychopathisch Minderwertigen überwiegt oft das 
Egoistische gegenüber dem Altruistischen. Übt darum — um 
mit Bein*) zu reden — „gemeinsame Freude und gemein- 
sames Leid, gemeinsame Arbeit und gemeinsame Erholung eine 
grofse Gewalt auf die Bildung von Lebensanschauung und 
Willensrichtung, eine Gewalt, die, sei sie schädlich oder segens- 
reich, fortwirkt durchs ganze Leben", so fällt dem Zucht- 
meister unserer Belasteten die unerläfsliche Aufgabe zu, das 
gemeinsame Leben in der Familie oder in besonderen Ver- 
anstaltungen derart zu gestalten, dafs die fehlerhaften Gemüts- 
zustände in richtige Bahnen gelenkt werden. Durch regen 
Wechselverkehr des Erziehers mit dem Zögling und durch 
Anregung eines zweckmäfsigen Verkehrs der Zöglinge unter- 
einander beim Aufstehen und Niederlegen, bei den Mahlzeiten, 
bei Festen und Feierlichkeiten, bei Spaziergängen und Wan- 
derungen, bei der Arbeit wie beim Spiel bietet sich hinreichende 
Gelegenheit den Niedergeschlagenen aufzurichten, den Trotzigen 
und Eigensinnigen zu beugen, den Hochmütigen und Selbst- 
bewufsten zu demütigen, den Eitlen und Selbstgefälligen zu 
beschämen, den Ungeschickten und Schüchternen zu ermutigen, 
den Trägen fortzureifsen , den Verweichlichten und melancho- 
lisch Sentimentalen abzuhärten, den Unverträglichen und Becht- 
haberischen zur Subordination zu bringen, den Herrschsüchtigen 
zum Dienen, den Eigennützigen zur Teilnahme zu gewöhnen 
u. s. w. Es bietet sich aber nicht minder Gelegenheit, über 
diesen und jenen Fehler mit den Einzelnen unter vier Augen 
zu reden, von Herzen zum Herzen. Kann dann auch aus 
psychopathischen Ursachen der Zögling nicht immer den Fehler 

*) a. a. 0. S. 122. 



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sofort lassen, ein anderes Wollen läfst sich aber durchweg 
auf diese Weise erzielen. Und ist erst der Zögling- so weit, 
dals das Wollen mit dem Vollbringen, das „Gesetz im Gemüt" 
mit dem „andern Gesetz in den Gliedern" oder im „Fleisch" 
den „guten Kampf des Glaubens" aufnimmt — um mit dem 
mit psychopathischen Schwächen wohlvertrauten Paulus zu 
reden — so ist viel gewonnen. 

Wenn solcher Umgang zwischen Erzieher und Zögling 
jedoch seine volle Wirksamkeit entfalten soll, so darf Zweierlei 
nicht fehlen. 

Erstens mufs der Erzieher selbst erzogen, er niufs eine 
sittlich vorbildliche Persönlichkeit sein, wie unser 
gröfster Pädagoge Christus eine solche für seine Zöglinge war 
und ist, „der uns gelassen hat ein Vorbild, dafs wir sollen 
nachfolgen seinen Fufsstapfen". Der ganze Schwerpunkt der 
Erziehung liegt eben in der Persönlichkeit des Erziehers, in 
seinem Beispiel im Urteilen, Handeln, Benehmen, im Thun wie 
im Lassen, in seiner Gesundheit an Leib und Seele, in seinem 
Glauben, Lieben, Hoffen, in seiner Methode wie seiner ganzen 
pädagogischen Durchbildung. Unausgesetzt und unabsichtlich 
wirkt sein Beispiel an dem inneren Leben des Einzelnen empor- 
ziehend oder niederdrückend. Ist er lauter und wahr, ist 
er gewissenhaft und tüchtig, konsequent und gerecht, hat er 
sich in allen Lagen und Fällen in der Gewalt, ist er weder 
hämisch noch zum Zorn geneigt, hat er Geduld mit den Ver- 
kehrtheiten und Schwachheiten, hat er Herz und Kopf für 
seinen Beruf, kurz, ist er ein ganzer Mann, so werden ihm 
„Autorität und Liebe" seiner Zöglinge gewifs sein und auch 
die bösen Geister seiner Lieblinge werden sich schliefslich 
fügen und weichen. 

„Man würde erzogene Kinder gebären, 
Wenn die Eltern selber erzogen wären." 

Sodann ist die Pflege des religiös-sittlichen Lebens 
durch den täglichen Umgang wie durch besondere Unterredungen, 
Andachten , Kindergottesdienste u. s. w. , sofern sie an das 
Fühlen und Streben der Kinderherzen anknüpfen, unentbehrlich. 
Wenn der Gesinnung die religiöse Weihe fehlt, wenn sie nicht 
erwächst auf dem Boden des Gottvertrauens und hieraus ihre 
Nahrung zieht, so bleibt sie eine kümmerliche Pflanze ohne 



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Halt und Festigkeit. Doch wolle man nicht meinen, dafs man 
mit leerem Eeden über religiöse und moralische Dinge, welche 
dem Zöglinge unverständlich sind, psychopathische Minder- 
wertigkeiten beseitigen kann und dafs ein Kind schon dort 
gut aufgehoben ist, wo viele Worte über Religion memoriert 
und viele Andachten abgehalten werden. Wenn schon die ge- 
druckten Worte eines Buches von Gott sind, so sind es auch 
die Thatsachen des Seelenlebens bei gesunden wie bei ab- 
normen Kindern. Und diese Erscheinungen verstehen und 
ihnen in Unterricht, Heilpflege, Seelsorge und Erziehung Rech- 
nung tragen, ist auch ein Gott wohlgefälliger Dienst, und 
manche Seelsorge würde wirksamer sein, wenn sie zunächst 
diesen Dienst übte, wie Roemer so vortrefflich darlegt.*) 

Auch in dem Seelenleben des Einzelnen wie ganzer Völ- 
ker und Volksschichten liegt eine Gottesoffenbarung. Und nur 
der, welcher auch hier Ohren hat zu hören und Augen zu 
sehen, vermag in Wahrheit mit dem Erlöser den von der Welt 
Verachteten das Evangelium zu verkündigen: 

„Selig sind die Armen am Geist; denn ihrer ist das 
Himmelreich." 



*) Psychiatrie und Seelsorge. Sonderabdruck aus der kirchlichen Zeit- 
schrift: „Halte, was du hast." Von Dr. A. Roemer. Stuttgart 1890. 



Inhalt. 



Seite 

I. Unsere Aufgabe . . • 3 

II. Zur Charakteristik einiger psychopathischer Minderwertigkeiten . 

III. Ursachen der psychopathischen Minderwertigkeiten IG 

IV. Zur Verhütung psychopathischer Minderwertigkeiten ... .39 
V. Über die Behandlung der Kinder mit psychopathischen Minder- 
wertigkeiten G; *